Irreführung oder Offenbarung?

Im Namen des Volkes entscheidet unsere Justiz schon längst nicht mehr nur über Tatsachen. In diese Entscheidungen werden Überlegungen zu möglichen Entwicklungen miteinbezogen und gegen die Tatsachen abgewogen. Diese „Fortsetzung der Rechtsprechung“ findet man inzwischen in jeder Gerichtsbarkeit vom kleinsten Rechtspfleger bis zum höchsten Richter.

Im Fall „Sami A.“ hat das Verwaltungsgericht abgewogen zwischen den Tatsachen (Gefährder unseres Rechtssystems) mit den Möglichkeiten (vielleicht wird er in Tunesien gefoltert). Es ist zur Entscheidung gelangt, dass unsere Gesellschaft und unser Rechtsstaat die Gefährdung hinnehmen müssen und dass das Wohl von Sami A. darüber steht. Das kann man gut finden, das kann man schlecht finden. Das Oberverwaltungsgericht fand das gut und hat die Entscheidung – ebenfalls nach Abwägung zwischen Tatsachen und Möglichkeiten – bestätigt.

Das ist eine von vielen Entscheidungen, die denselben Grundsätzen der Abwägung folgen, und sie wäre recht uninteressant. Wenn nicht bei Vollzug der Entscheidung eine Kleinigkeit dazwischengekommen wäre:

Die Verwaltungsrichter hatten bei der Executive (ich weiß jetzt gerade nicht, welche Behörde) nachgefragt, ob der Abschiebeflug von Sami A. gestrichen worden wäre. Die Executive bestätigte, dass der Abschiebeflug gestrichen wurde. Das ist eine Tatsache.

Nun fühlt sich die Justiz in die Irre geführt, weil die Richter nicht auf die Idee kamen nachzufragen, ob sich die Tatsache, dass der Flug gestrichen wurde, ändern könnte: Wäre es möglich, dass für Sami A. ein anderer Flug gebucht wurde?

Die Executive hatte keine Veranlassung gesehen, die Richter darauf hinzuweisen. Das hätte ich auch nicht.

Während die Richter also konkrete Tatsachen (Gefährdung durch Sami A.) mit der Möglichkeit (Gefährdung des Sami A.) abwägen konnten und sich für die Möglichkeit entschieden, waren sie nicht in der Lage konkrete Tatsachen (Streichung eines Flugs) mit der Möglichkeit (Buchung eines anderen Flugs) abzuwägen.

Statt in sich zu gehen und sich einzugehen: „Wir Richter haben nicht die richtigen Fragen gestellt“, wird von einem „Angriff auf den Rechtsstaat“ gesprochen, weil die Executive die Nachlässigkeit der Richter in einem Fall nicht verschleiert hat.

Es wäre ja fast komisch, wenn’s nicht so arrogant wäre: Der Staat, die Gesellschaft, das Volk hat die Gefährdung durch Sami A. hinzunehmen, aber es ist ein „Angriff auf den Rechtsstaat“, wenn die Fehlbarkeit und Menschlichkeit von Richtern offenbart wird: Sie haben in der Hauptsache Tatsachen gegen Möglichkeiten abgewogen und waren dazu in der Nebensache nicht in der Lage. Es müsste doch auch den Richtern ein unbehagliches Gefühl bereiten, dass sie gerade nicht in der Lage sind Tatsachen und Möglichkeiten stets richtig abzuwägen. Sich darüber zu beschweren, dass die offenbar gewordene Unfähigkeit von anderen Staatsgewalten nicht verschleiert wird, ist doch Teil der unausrottbaren juristischen Arroganz.

Die Justiz ist unabhängig. Damit sie es bleiben kann, sollte die Justiz nicht nur Arroganz, sondern auch ein bisschen mehr Demut zeigen: Die Justiz ist unabhängig, aber nicht unfehlbar.

Neue Fälle von Rinderwahn in Bayern

In Bayern ist es in den letzten Wochen zu erneuten Ausbrüchen von Rinderwahn gekommen. Betroffen von der bovinen Kopfalbernheit sind vor allem männliche Rinder mit CSU-Parteibuch. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten hat sich zu den Fällen des „Bullenwahn“, wie diese Variante auch genannt wird, noch nicht geäußert. Aus gut unterrichteten Kreisen ist aber zu erfahren, dass Notschlachtungen nicht geplant sind: Der Verbraucher soll wählen, ob er der Infektion Einhalt gebietet.

Der dumme Gebührenzahler

Über eine halbe Stunde, nachdem die privaten Nachrichtensender ihr Programm unterbrochen haben, um über den möglichen Anschlag in Münster zu berichten, bequemte sich Tagesschau24 eine kleine Befragung mit einer Journalistin aus Köln (sic!) für zwei Minuten zu senden. Wer den privaten Nachrichtensendern nicht so recht traut, zu denen ich mich zähle, der bleibt im Augenblick auf Schriftbänder bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern beschränkt.

Dass ich zuerst bei WELT und NTV höre, dass und wie die Bundesregierung auf den möglichen Anschlag reagiert, ist eine Schande für den Gebührenmoloch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

17:39 h:

Die ARD zeigt unbeirrt ein Fußballspiel. Wenn es ein Schriftband mit Informationen gegeben haben sollte – jetzt ist es nicht zu sehen. Beim ZDF ist eine Reportage über zu dicke Kinder in Deutschland zu sehen, die man offenbar auch nicht unterbrechen wollte. Phoenix zeigt einen Bericht über Geheimbünde, wenigstens mit langsamen Textinformationen. Dem WDR mundet „Land und lecker“ (mit Schriftband). Tagesschau24 wiederholt irgendeine Krontaste-Sendung (auch mit Schriftband).

NTV, WELT und Euronews zeigen Bilder der abgeriegelten Altstadt. Ich schalte zwischen den Sendern hin und her und treffe seit 40 Minuten nicht auf eine einzige Werbeunterbrechung.

Was für eine Schande für das öffentlich-rechtliche Fernsehen!

Friederike Kempner

Lasst mich in die Wüste eilen,
Wo die siebzig Palmen sind.
Dort in der Oase weilen,
Wo die Quelle ewig rinnt.

Dort in jenen schlanken Bäumen
Mit dem großen Geist allein,
Will ich alle glücklich träumen
Und will selber glücklich sein.

Man nannte sie die „schlesische Nachtigall“ und das war kein Kompliment. Berühmt wurden ihre Gedichte durch ihre unfreiwillige Komik („Von der Decke bis zur Diele / Muss der Schweiß herunter rinnen, / Willst gelangen du zum Ziele, / Wohlverdienten Preis gewinnen.“)

Friederike Kempner wurde am 25.06.1836 in die Familie eines wohlhabenden jüdischen Gutspächters in der Nähe Posens geboren. Als lediges Gutsfräulein setzte sie sich für Kranke und Arme ein, aber auch gegen die Einzelhaft und Zellengefängnisse („Das Büchlein von der Menschheit. Mit einem Anhange: Gegen die Einzelhaft oder das Zellengefängnis„) und – weil sie Angst hatte, lebendig begraben zu werden – für Leichenshäuser („Denkschrift über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern„). Sie starb am 23.02.1904 auf ihrem Gut Friederikenhof.

Von ihren schriftstellerischen Werken werden ab und zu noch ein paar Gedichte veröffentlicht, die den Kitsch der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am besten repräsentieren.

Peter Hacks schrieb 1966 eine Abhandlung über „Das Poetische“. Er stellte seinem Essay zwei Zitare voran: „Die Partei, die Partei, / Die Partei (sic!) hat immer recht“ (Louis Fürnberg) und „Die Poesie, die Poesie, / Die Poesie hat immer recht“ (Friederike Kempner). Fürnberg als Kempner der Partei? Kempner als Fürnberg der Lyrik? Zusammen mit Nick Barkow gab Hacks 1989 bei Rütten & Loening „Dichterleben. Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte“ von Friederike Kempner heraus.

Durch die unfreiwillige Komik und den Kitsch spürt man heute immer noch eine Lebensfreude, die sie mit ihren Lesern teilen wollte; sie greift nach der ganzen Welt, ihr bleiben doch nur Scherben, und die versucht sie auch noch hocherhobenen Hauptes empor zu halten und fischt dazu genau das falsche Bild heraus. Ich finde das rührend.

Nur allein kann ich erstarken,
Nur allein sprießt mir die Kraft
Tret‘ ich in des Kampfes Marken,
Mit des Mutes Eigenschaft.

Sag‘ ich los mich jenem Jammer,
Jenem tiefen Seelenweh,
Gürte meine Lenden strammer
Und gepanzert fest ich steh‘!

Fest wie eine Memnonsäule,
Unter mir den Staub der Welt,
Ob mein Blick auch d’rauf verweile –
’s ist der Blick von einem Held!

 

Flüchtig ist das Weltliche,
Besser ist die Tugend,
Denn nach kurzer Jugend
Folget bald das Ältliche.

„Die Sendung der Lysistrata“

Im Augenblick fällt es mir schwer zu lesen. Zum Glück gibt es wundervolle Filme, z. B. „Die Sendung der Lysistrata“ gehört dazu.

Fritz Kortners erster Fernsehfilm sorgte 1961 für Aufregung. Nicht nur der Bayerische Rundfunk, sondern auch WDR, SR, SWF und SDR waren gegen die Ausstrahlung. Letztlich blieben nur die Bildschirme in Bayern schwarz. Erst 1975 wurde dort „Die Sendung der Lystrata“ gesendet. Es war das erste Mal, dass eine Sendung des Gemeinschaftsprogramms nicht von allen Sendern ausgestrahlt wurde.

Das von anzüglicher Thematik bestimmte Werk bedingt, daß etwa die Darstellerin Romy Schneider in der Rolle der Lysistrata-Gefährtin Myrrhine Verse deklamieren muß, die der einstigen „Sissy“-Interpretin seltsam anstanden. „Leg dich hin und schließ die Augen“, spricht Romy-Myrrhine in der Kortner-Fassung. „Ich zieh mich aus. Es fehlt was Weiches! Die Unterlage!“ Reclams „Schauspielführer“ über „Lysistrata“: „… in der ungeschminkten Darstellung derb-natürlichen Trieblebens … einmalig in der Theater-Geschichte.

Der Spiegel 51/1960 „Ehestreik gegen Atomkrieg“ –

Der WDR-Fernsehdirektor Dr. Lange erklärte laut Spiegel: „Mit meiner Frau zusammen würde ich den Fernsehfilm nicht sehen wollen. Auch nicht mit meinem 19jährigen Sohn.“

„Lysistrate“ ist ein sprechender Name und bedeutet „die das Heer Auflösende“. Im Krieg zwischen Athen und Sparta fordert sie die Frauen auf, den Geschlechtsverkehr mit ihren Männern zu verweigern. Diese Geschichte hat Aristophanes (450/444 – 380 v. Chr.) in eine Komödie mit deutlichen Worten und voller Anzüglichkeiten gepackt.

Ich habe das Stück in den 80er Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass ich es sehr viel witziger fand, wie der Übersetzer der „Lysistrate“ mit den sexuellen Anspielungen und Ausdrücken kämpfte.

So ist auch die Sprache in Kortners „Die Sendung der Lysistrata“. Man braucht schon viel Fantasie, um die Anzüglichkeiten herauszuhören, die damals die Fernsehanstalten (und auch die Kritiker) so aufregten.

Die Rahmenhandlung der „Sendung der Lysistrata“ hat Kortner selbst geschrieben: Vier Ehepaare treffen sich, um sich die griechische Tragödie „Lysistrate“ im Fernsehen anzuschauen. Dabei kommt es zu Auseinandersetzungen über die atomare Bedrohung der damaligen Zeit.

Kortner legte als Schauspieler viel Wert auf Ausdruck und Gesten, Mimik und Bewegung waren ihm nicht ganz so wichtig. Das merkt man auch diesem Film: Manchmal sehen die Schauspieler – in der Rahmenhandlung und in der Komödie – etwas hölzern aus. Es ist mehr eine Theateraufführung als ein Fernsehfilm.

Aber gerade, was den Spiegel störte, finde ich heute besonders gut: Romy Schneider als lüsterne Myrrhine, die von Anfang an ahnt, dass es ihr sehr schwer fallen wird, auf den Sex zu verzichten. Aber gegen ihr „Sissy“-Image kam sie in Deutschland nicht mehr an.

Wer eine gute Übersetzung der „Lysistrate“ lesen will, dem empfehle ich die Übersetzung von Niklas Holzberg bei Reclam.