Genderst du schon oder noch oder hast du es aufgegeben?

Der Bezirk Lichtenberg von Berlin hat sich dem Gendern verschrieben – leider mit wenig Erfolg. Anträge sollten nur noch behandelt werden, wenn sie geschlechtsneutral bzw. weder ausschließlich männlich noch weiblich formuliert seien. Dann sollte in der Bezirksverordnetenversammlung eine neue Rednerliste eingeführt werden, wonach immer ein Mann und eine Frau (oder eine Frau und ein Mann) abwechselnd reden sollten; nur wenn keine Person des anderen Geschlechts mehr einen Redebeitrag habe, dürften Verordnete gleichen Geschlechts aufeinander folgen. Beide Vorhaben sind gescheitert.

Eine Mandantin, die einen Wohnungskaufvertrag beurkunden ließ, beschwerte sich, weil ich bei der Erstellung des Entwurfs einen „Käufer“ nicht in eine „Käuferin“ geändert hatte. Als Mann könne ich gar nicht verstehen, was für eine Übersetzungsarbeit Frauen leisten müssten, um sich von den vereinnahmenden Männlichkeitsformen zu lösen. „Da haben Sie recht: Ich würde mich sogar durch die Weiblichkeitsformen benachteiligt fühlen, weil sie ja letztlich nur das weibliche Anhängsel der Männlichkeitsformen darstellen: Käufer und Käufer-in.“ Für einen kurzen Augenblick war die Stille, in der ich das Augenrollen hörte … Ich hätte es auch besser verstanden, wenn sie sich durch die Männlichkeitsformen „ausgeschlossen“ statt „vereinnahmt“ gefühlt hätte.

Jede weibliche Form eines männlichen Substantivs der deutschen Sprache – und einiger Fremdwörter – ist doch irgendwie ein Anhängsel: An das Mann-Wort wird nur ein „in“ gehängt und schon ist Frau gleich- und nicht nachberechtigt?- Man wird als Frau nicht geboren, man wird zur Frau gemacht. Büger*in,- LeserIn, Präsident/in …. sieht doch noch mehr nach Anhängsel aus (und das „in“ ist noch nicht mal die Hälfte der Buchstabenzahl).

Eigentlich habe ich sogar eher das Gefühl, dass der bestimmte Artikel „die“ und die mit bestimmten Artikeln verbundenen Attribute den Mann benachteiligen: Ein Mann und noch ein Mann sind „die“ Männer – ein großer Mann wird bestimmt zu „der große Mann“ (das attributiv gebrauchte Adjektiv hat doch eine eindeutig weibliche Endung). Aus dem Roman, den ein Mann liest, wird der „gelesene“ Roman und der Mann selbst zu „der lesende Mann“. Das müsste man/frau natürlich mal empirisch untersuchen, aber wenn jedes männliche Substantiv von Singular ins Plural weiblich wird und jedes Attribut zwischen bestimmtem männlichen Artikel und Substantiv weiblich ist – ist dann die deutsche Sprache wirklich frauen- oder nicht eher männerfeindlich?

Also wenn schon behördenseits gegendert wird, dann bitte konsequent auch in der Weise, dass die männlichen Substantive männliche Attribute und Pluralformen bekommen.

Wie schrieb  Harald Martenstein im Zeit-Magazin vom 20.07.2017 so treffend: „Falls bei einer Demo drei Polizisten verprügelt wurden, dann müssen sie sofort in die erste Reihe nur noch Polizistinnen stellen, so lange, bis auch drei von denen im Krankenhaus sind.“

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Ich wünsche mir …

„Wenn ich mir was wünschen dürfte,“ sang Marlene Dietrich, „käm‘ ich in Verlegenheit, was ich mir denn wünschen sollte eine schlimme oder gute Zeit. Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht‘ ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“

Und ich wünsche mir den Weltuntergang.

Im Moment gehen mir all die Kleinigkeiten furchtbar auf die Nerven. Manchmal – so wie jetzt – frage ich mich, ob die Diagnose „Depression“ richtig war; ich habe eher das Gefühl, dass mehr oder weniger alles und jeder um mich herum nicht ganz richtig läuft.

Im Augenblick landet jeden Tag auf dem Schreibtisch ein neues Gesetz oder eine neue Anweisung, die Mehrarbeit bedeuten. Mir ist ganz klar, dass sich niemand wirklich dafür interessiert, dass Notare immer mehr Daten von den Mandanten anfordern und weiterleiten müssen (neuerdings mit Nachteilen und sogar Ordnungswidrigkeiten bewehrt, sollte sich ein Mandant weigern). Da werden Verkäufer und Käufer von Grundstücken oder Eigentumswohnungen unter Generalverdacht der Steuerhinterziehung oder Geldwäsche gestellt, auch wenn sie vielleicht nur einmal in ihrem Leben eine Wohnung kaufen. Warum muss sich ein Handwerker, der eine GmbH oder vielleicht nur eine UG gründen will, um nicht persönlich zu haften, den Verdacht gefallen lassen, er wolle Geld waschen? Es ist eben einfacher, sich darüber aufzuregen, im Internet belauscht zu werden (vielleicht ist einem das Internet selbst schon irgendwie suspekt, weil man deren Funktionsweise nicht versteht). Dagegen ist die Übermittlung von Daten, die man den Banken, Notaren usw. gibt und die an das Finanzamt oder zum Transparenzregister weitergeleitet werden müssen, ein Klacks. Mich ärgert das (nicht nur, weil es mir mehr Arbeit für mich verbunden ist, die eigentlich der Staat selbst leisten sollte – wenigstens ist die Mehrarbeit für den Mandanten kostenfrei, aber die Daten sind schon weg ….)

Das Gedrängel morgens am Bus stört mich eigentlich weniger – ich sage mir einfach, dass ich die Drängler vorlasse. Aber muss sich die Frau noch umdrehen und fragen: „Oh, habe ich mich vorgedrängelt?“ – „Naja, ist mir schon klar, dass der Tod nicht schnell genug kommen kann.“ Und was die Männer breitbeinig sitzen, schaukeln sich Frauen mit übereinander geschlagenen Beinen ins Vergnügen, gerne auch mit dem Fuß weit in den Gang. Überhaupt scheint es irgendwie Tickets für kleine Rucksäcke und Handtaschen zu geben, die auf dem Sitz nebenan warten, bis man fragt, ob noch frei ist. „Ich habe gar nicht bemerkt, dass der Bus so voll ist.“ – „Macht nichts. Ich habe schon gemerkt, dass Sie Besseres zu tun haben, als auf Ihre Mitmenschen zu achten. Aber wir achten auf Sie“

Dann ist da der Fahrradfahrer, der mich – auf dem Gehweg – fast umnietet (fährt natürlich! gegen die Fahrtrichtung), weil er an seinem Handy herumspielt: „Kannste nicht aufpassen“, höre ich noch, dann sage ich schon: „Klar, kann ich aufpassen. Ich habe auf eine lebenslange Rente von dir gehofft …. Nächstes Mal klappt’s vielleicht!“

Ich muss mich so anstrengen, dass ich nicht noch mehr solcher Sätze raushaue: Wenn mein Freund bedauert, dass ihm bei irgendeiner Gelegenheit nichts Schlagfertiges eingefallen ist, dann denke ich immer: „Das müsste mir passieren …“ Aber bei nächster Gelegenheit ist meine Zunge schon fertig, bevor meine guten Manieren „Halt!“ gebieten können.

Ich wünsche mir einen richtig altmodischen Weltuntergang. Wenn morgen die vier Reiter vor mir stünden, würde ich sie anfeuern: „Na, los, macht doch …“ Eine Sintflut täte es auch. Oder Feuer und Schwefel vom Himmel. Einfach ein bisschen alttestamentarischer Gotteszorn.

 

Nimby

„Not in my backyard“ – „Lieber St. Florian/verschon‘ mein Haus/zünd‘ and’re an“.

„Wir als Autonome, und ich als Sprecher der Autonomen, haben gewisse Sympathien für solche Aktionen. Aber doch bitte nicht im eigenen Viertel, wo wir wohnen. Also, warum nicht in Pöseldorf oder Blankenese?“ – „Da gibt’s auch bei uns großes Unverständnis, dass man im Schanzenviertel die eigenen Geschäfte zerlegt. Die Geschäfte, wo wir selbst einkaufen.“ (Andreas Beuth, Rechtsanwalt)

Und ich dachte, ich bin spießig, aber wahrscheinlich bin ich nur autonom, weil ich auch nicht will, dass die Geschäfte, in denen ich einkaufen gehe, zerlegt werden …. gut, etwas erstaunt bin ich schon, dass ich mein Sankt-Florians-(Nimby)-Prinzip mit einem Anwalt wie A. Beuth teilen muss. Vielleicht kaufe ich mir doch einen „Röhrenden Hirschen“ für überm Sofa, damit uns wenigstens etwas unterscheidet.

Radiofieber

Vor kurzem bin ich beim Durchsappen auf eine Wiederholung einer Folge des „Alten“ gestoßen und dachte mir, die Schauspieler kennst du doch …. also per Internet gesucht: Petra Zieser. Ich erinnerte mich an „Linie 1“ und an eine Fernsehserie aus den 80ern, aber der Titel? Mit Internet ist man ja schnell auf der richtigen Spur: „Radiofieber“ – ein Vierteiler des WDR von 1989. DVD? Ja, Glück gehabt. Also durch ein paar Läden gestöbert, aber nichts gefunden. Ist klar, was nur auf Dauer verkaufbar ist, stellt sich niemand ins Regal. Dann habe ich bei Amazon geschaut und die DVD bestellt.

Ich bin schon häufiger von meinen Erinnerungen getrogen worden: Irgendwie waren viele Fernsehfilme, -serien oder -mehrteiler nicht so ansprechend, wie ich es in Erinnerung hatte. Aber von „Radiofieber“ sind Frank und ich gleichermaßen begeistert.

Die Serie beginnt im Jahr 1917 und zeigt die Entwicklung des Rundfunks durch die Weimarer Republik. Viele Schlager sind zu hören, wenn auch nicht immer historisch korrekt, also ein bisschen zeitversetzt, z. B. „Tamerlan“ von Nelson/Tucholsky wird zu früh gespielt. Aber wer will da mosern? Der Stimmung der Serie kommt das sogar zugute. Die Serie zeigt eine Bandbreite von Personen, deren Leben, miteinander, gegeneinander – von unten bis ganz oben: So stelle ich mir das Berlin der 20er Jahre vor.

Natürlich kommt die Serie auch meiner Nostalgie entgegen. Die Schauspieler erinnern mich eben an „bessere“ TV-Zeiten: Von gestandenen Schauspielern – Uwe Friedrichsen, Klaus Höhe, Horst Niendorf, Eva Maria Meineke, Renate Schröter – oder Schauspieler, die Anfang ihrer – auch internationalen – Karriere standen – Thomas Kretschmann, Heino Ferch, Guntbert Warns (herrlich als Rundfunksignal), Angelika Milster (als dadaistische Künstlerin hätte niemand besser sein können). Und natürlich die beiden Sängerinnen Petra Zieser (als Rosie Kupinke) und Nora Barner (als Viktoria Bülow), die sich bekriegen und Zweckgemeinschaften bilden, um sich am nationalsozialistischen Gedankengut endgültig zu entzweien.  Nora Barners Vater Klaus spielt auch mit, aber auch Udo Schenk, der sich wenige Jahre zuvor aus der DDR abgesetzt hatte.

Es ist einfach spannend zu sehen, wie die Figuren ins Rundfunktgeschäft hineinrutschen und Karriere machen, wenn sie dadurch persönliche Beziehungen knüpfen oder ihre Beziehungen leiden.

Da es sich um eine deutsche Produktion handelt, spielt auch die politische Situation zum Ende des I. Weltkriegs und während der Weimarer Republik eine Rolle, allerdings eher wie eine Prise Pfeffer: Zwischen Rechts und Links kann man nicht die demokratische Mitte zeigen.

Mich hat die Serie – unerwartet – mehr aufgebaut als ich gedacht hätte. In ein paar Tagen muss ich sie mir noch einmal ansehen.

 

Hasselfeldts Katze

Kennt Ihr Schrödingers Katze? Bei Wikipedia wird das Gedankenexperiment so beschrieben:

Das Gedankenexperiment fingiert, dass sich in einem geschlossenen Raum ein instabiler Atomkern befindet, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt (Radioaktivität). Der Zerfall des Atomkerns wird von einem Geigerzähler gemessen. Im Falle einer solchen Messung wird Giftgas freigesetzt, das eine im Raum befindliche Katze tötet.

Gemäß der Quantenmechanik lassen sich beispielsweise instabile Atomkerne durch einen Überlagerungszustand aus den Zuständen „noch nicht zerfallen“ und „zerfallen“ beschreiben. Schrödinger schlägt nun vor, dass – wenn die Quantenphysik auch auf makroskopische Systeme anwendbar wäre – sich auch die Katze im Zustand der Überlagerung befinden müsste, solange niemand den abgeschlossenen Raum öffnet und den Zustand der Katze überprüft (= Messung). Sie wäre also lebendig und gleichzeitig tot. Diese Schlussfolgerung erscheint paradox.

Wikipedia: Schrödingers Katze – Gedankenexperiment

Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Gerda Hasselfeldt, wollte mir am Freitag in der Debatte um das Gesetz „Ehe für alle“ erklären, dass aus einer gleichgeschlechtlichen Ehe keine Kinder hervorgehen könnten (sinngemäß, weil ich derzeit den konkreten Wortlaut nicht finde). Und ich fragte mich: Warum eigentlich nicht?

Nehmen wir mal an, die beiden Frauen A und B heiraten. Sie müssen ja nicht lesbisch sein, es könnte z. B. darum gehen, dass die finanziell stets flaue Taxifahrerin A von der Richterin am Kammergericht B mitversorgt werden soll. Nach der Hochzeit wird A schwanger – die Ehe mit B schließt Verhältnisse mit Männern nicht aus – und bekommt ein Kind. Das Kind würde man doch wohl umgangssprachlich als „ehelich“ bezeichnen, weil A verheiratet war, oder nicht? Im BGB steht, dass die Frau (!), die das Kind geboren hat, Mutter ist (§ 1591 BGB). Aber was ist B im Verhältnis zum Kind? Da sie es nicht geboren hat, kann sie nicht dessen Mutter sein. Vater kann sie laut § 1592 BGB auch nicht sein, denn das ist der Mann (!), der zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes mit der Mutter verheiratet ist, der die Vaterschaft anerkennt oder dessen Vaterschaft gerichtlich festgestellt wird. Also  ist das Kind doch „nichtehelich“?

Oh, es geht noch weiter: „Nichteheliche“ Kinder sind „ehelichen“ Kindern bekanntlich gleichgestellt. Stellen wir uns mal vor, B hat aus einer früheren Ehe mit einem Mann ein Kind (K1). Nachdem A das Kind (K2) während der Ehe mit B geboren hat, trennt sich B von A und zieht aus. Für die Zeit des Getrenntlebens muss B (besserverdienend) an A Unterhalt zahlen. Aber Kindesunterhalt für K2 muss sie nicht zahlen, denn sie ist ja rechtlich mit K2 nicht verwandt. Dann kommt es ganz dick: A und B vertragen sich. Kurz nachdem sie wieder zusammengezogen sind, stirbt B. Wie sieht’s mit dem Erbe aus: Aufgrund der gesetzlichen Erbfolge und der Zugewinngemeinschaft erbt A als Ehefrau 1/2. Die andere Hälfte geht komplett an K1 (dem Kind aus der früheren Ehe von B). Das Kind K2 aus der Ehe mit A erbt nichts, weil eine Verwandtschaft zu B nicht besteht.

Das nenne ich Hasselfeldts Katze: Aus einer gleichgeschlechtlichen Ehe können Kinder hervorgehen, die gleichzeitig „ehelich“ und „nichtehelich“ sind. Na, da bin ich auf die „Messung“ durch die höheren Gerichte gespannt.

Stellt sich die Frage, wie es bei einem heterosexuellen Ehepaar aussieht:

Würde es sich um die Taxifahrerin C und den Richter am Kammergericht D handeln, müsste D während des Getrenntlebens an C und für das gemeinsame (!) Kind K2 Unterhalt zahlen. D ist laut Gesetz der Mann (!), der zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes mit der Kindesmutter verheiratet war, damit ist die rechtliche Verwandtschaft hergestellt. Nach seinem Tod würde seine Ehefrau 1/2 erben, sein Kind K1 aus erster Ehe und sein Kind K2 aus der Ehe mit C würden je 1/4 erben.

Wenn man sich also Familie nicht mehr als Mann, Frau, Kind sondern als Frau, Frau, Kind vorstellt, wird eine Familie gesetzlich nicht wie die andere behandelt. Das Bundesverfassungsgericht könnte also ganz fortschrittlich feststellen, dass  die „Ehe für alle“ nicht verfassungswidrig ist, aber die §§ 1591, 1592 BGB!

Ganz ehrlich: Es heißt doch nicht umsonst „RechtsWISSENSCHAFT“. Wenn irgendein Jurist an dem Gesetzentwurf mitgearbeitet hat, müsste man ihm nicht alle Staatsexamen entziehen? Wäre dieser Jurist ein Chirurg würde man ihn murmeln hören: „Ich hoffe, es ist auch eine Blinddarmentzündung, und ich finde das Ding auch, wenn ich den Bauch kreuzweise aufschlitze ….“

 

 

Ehe für alle – zum Zweiten

Zum ersten Mal habe ich über dieses offensichtlich brennende Thema am 19.03.2017 geschrieben: SPDanaergeschenk

Gemäß Artikel 6 GG steht die Ehe unter besonderem Schutz. Auch dies war eine der Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus und der tyrannischen Verhinderung/Auflösung von Ehen.

Die Ehe ist ein Rechtsgeschäft, das im vierten Buch des BGB „Familienrecht“ geregelt ist. Um eine Ehe zu begründen, bedarf es keiner besonderen Motivation: Ob Liebe oder Geld spielt keine Rolle, auch Zuneigung ist nicht Bedingung für eine Ehe. Im Gegenzug garantiert der Staat aufgrund des besonderen Schutzes, dass er nichts unternimmt, was jemanden an einer Heirat hindert oder was zur Auflösung einer Ehe führen könnte. Das gilt zum Beispiel für das Steuerrecht: Eine Gesellschaft darf nicht günstiger besteuert sein als ein Ehepaar, sonst wäre es ja finanziell interessanter eine Gesellschaft zu gründen (ein Rechtsgeschäft) statt zu heiraten (ein Rechtsgeschäft).

Dass Personen daran gehindert werden sollen, ein Rechtsgeschäft abzuschließen, weil sie das gleiche Geschlecht haben, leuchtet mir nicht ein. Das steht auch nicht im Grundgesetz, sondern ergibt sich lediglich aus der Auslegung des Bundesverfassungsgerichts.

Wenn man Leute fragt, die eine Ehe begründen wollen, sieht das anders aus: Für sie ist es mehr als ein Rechtsgeschäft – das betrifft nicht nur Gläubige, sondern die Heiratswilligen wollen durch die Ehe ihre Beziehung auf einen anderen Stand bringen. Die Ehe ist nichts „Heiliges“, sie ist ein persönliches Mehr. Und hier greifen dann auch erst die unterschiedlichen Bewertungen der Ehe.

Ich kann verstehen, wenn Menschen sagen, die Ehe sollte nur verschiedengeschlechtlichen Personen zustehen. Sie sehen in der Ehe kein Rechtsgeschäfts, sondern auch ein gesellschaftliches Mehr. Ich muss ja diese Menschen nicht mögen, aber ich ich kann ihnen zuhören und ich kann ihre Beweggründe auch verstehen.

Mich stört an dem erneuten Vorstoß „Ehe für alle“ nicht, dass das Gesetz geändert werden soll. Mich ärgert der Zeitdruck, unter den ich mich gesetzt fühle, mir über alle Aspekte wirklich im Klaren zu werden und die Interessen der Andersdenkenden ins Kalkül zu ziehen.

Wie ich am 19.03. schon geschrieben habe, bedarf das Ehe- und vor allem das Scheidungsrecht einer dringenden Reform. Daran mogeln sich SPD und Grüne vorbei, vermutlich weil sie keinen Plan dafür haben.

Natürlich ist mir klar, dass es um die Wahl und um Wählerstimmen geht – aber kann man eine Partei wählen, die – nachdem sie jahrelang Zeit hatte – in letzter Sekunde eine Gesetzesinitiative auf den Weg bringt? Es geht der SPD nicht um die Wähler, die gegen die „Ehe für alle“ sind – mir schon: Ich höre immer wieder, man müsse sich der Sorgen und Ängste jener annehmen, die es nach rechts zieht, weil sie sich in der Mitte (oder gar links) nicht mehr wahrgenommen fühlen. Was ich von SPD und Grüne sehe ist das Gegenteil: Muss man – auch wenn man eine Wahl gewinnen will – die aktuellen Gräben auch noch vertiefen?

Polarisieren ist ja schön und gut, aber von Parteien, die Regierungsverantwortung für einen ganzen Staat übernehmen wollen, erwarte ich mehr.

Es wäre doch mal einen Gedanken wert, ob man die Tür, die im Kulturkampf den Katholiken – und einer protestantischen Minderheit – von einer Mehrheit der Protestanten unter Federführung Preußens zugeschlagen wurde, wieder öffnet: Warum etabliert der Staat neben der Zivilehe nicht die kirchliche Trauung (als Beispiel für alle religiös motivierten Ehen)? Dann hätten die Mitbürger, die der „Ehe für alle“ skeptisch gegenüber stehen, eine echte Alternative. Ihnen zu sagen, sie könnten zusätzlich zur Zivilehe eine kirchliche Trauung vollziehen lassen, ist ja kein Argument, sondern Ausdruck der Gleichgültigkeit gegenüber politisch Andersdenkenden. Wenn Krankenhäuser die Geburt von Kindern an die Standesämter weitermelden können, werden das doch religiöse Institutionen auch bei Trauungen können. Das Standesamt wäre dann für die Schließung der Zivilehe und Registrierung kirchlicher Trauungen zuständig. Die Zivilehe wäre dann das Rechtsgeschäft und die kirchliche Trauung kann all das aufnehmen, was man an Werten einem bloßen Rechtsgeschäft nicht beimessen kann. Wirksam im rechtlichen Sinne könnten Zivilehe und registrierte kirchliche Trauung sein und auch die gleichen Wirkungen entfalten. Damit wäre auch dem Bundesverfassungsgericht eine harte Nuss übergeben, um an ihrer bisherigen Auslegung, die „Zivilehe“ setze Personen verschiedenen Geschlechts voraus, festhalten zu können.

Mit diesem Hintergrund könnte man sich auch endlich an die dringend notwendige Reform des Scheidungsrechts machen: Ist es wirklich zeitgemäß, dass Eheleute, die ihre Ehe auflösen wollen, ein Jahr bis zur Entscheidung warten müssen? Sie mussten ja auch nicht ein Jahr warten, um die Ehe einzugehen! Wenn ein Ehepartner an der Ehe festhalten will, dann braucht es bis zur Scheidung drei Jahre Trennungszeit. Erst dann darf ein Familiengericht vermuten, dass die Ehe gescheitert ist.

Durch die „Ehe für alle“ wird auch der Graben zu den Lebensgemeinschaften breiter: Es wird ja gerne so dahin gesagt, wer die Vorteile der Ehe haben wolle, müsse auch deren Nachteile in Kauf nehmen. Aber welche Nachteile gibt es denn? Da ist das Scheidungsrecht – sicher, eine Lebensgemeinschaft lässt sich schneller auflösen. Aber sonst? Es gibt keinen nennenswerten Unterhaltsanspruch (was ja nur für den Zahlenden, nicht für den Empfänger ein Nachteil ist), in sozialen Notlagen ist die Lebensgemeinschaft als Bedarfsgemeinschaft der Ehe nicht überlegen, Eheleute zahlen keine andere Miete, haben keine niedrigeren Lebenshaltungskosten usw. Kann man von den großen Parteien, die über Regierungserfahrung verfügen, wirklich nicht erwarten, sich einmal des Themas „Lebensgemeinschaften“ anzunehmen? Das würde selbstverständlich eine gewisse Überwindung kosten: CDU/CSU müssten sich der Realität stellen, dass Lebensgemeinschaften häufiger werden und dass das Ehe- und Scheidungsrecht seit 1976 dringend einer grundlegenden Überprüfung anhand der aktuellen Situation und damit auch einer Reform bedarf. Die SPD müsste sich überwinden, Volkspartei zu sein und nicht bloß zu hoffen, dass viele kleine Minderheiten für eine Mehrheit ausreichen: Eine Einbeziehung der Lebensgemeinschaften in eine Familienrechtsreform würde der SPD schon deshalb gut stehen, weil sie die Reform von 1976 zu verantworten hat.

Nun ja, „Ehe für alle“ ist eher eine Mogelpackung und die Dringlichkeit, mit der SPD und Grüne sie nun in die Wege leiten woll(t)en, scheint mir ein allzu peinliches Schielen nach Wählerstimmen. Ich würde mich angesprochen fühlen, wenn ich als Schwuler Teil einer umfangreicheren Reform wäre – ich fühle mich nicht gleichberechtigt, wenn ich als Minderheit gesehen werde. Ich lebe in einer Lebensgemeinschaft und wir denken weder an eine Ehe für alle noch an eine eingetragene Lebenspartnerschaft. Es wäre einfach schön, wenn es eine der Volksparteien schaffen könnte, sich um meine Lebenssituation zu kümmern, die mich mit vielen verschiedengeschlechtlichen Mitbürgern verbindet. Ja, stimmt, ich habe immer noch Hoffnung auf wirkliche Gleichberechtigung, die sich nicht auf Unterscheidung gründet.

 

Umkehrschub

Ich bin an einem Moorgebiet aufgewachsen. Man kennt die Pfade von Alters her, die einem an den Tümepeln vorbeiführen. Man geht nicht übers Moor, wenn die Luft kalt wird und Nebel aufsteigen können. Und nach starken Regenfällen geht man besser den längeren Weg und nimmt den Bohlenweg durchs Moor. Wenn die obersten Schichten trocken sind, wenn die Luft klar ist und man weit sehen kann, wenn man weiß, wohin man treten muss, dann schwankt vielleicht der Boden unter den Füßen, aber man kommt wohlbehalten an.

Das Moor kann trotzdem tückisch sein: Unter trockenem Gras gibt die dünne Oberfläche nach und man braucht Kraft, um die Füße aus dem Morast zu ziehen. Jeder Schritt erfordert mehr Stärke. An den Stiefeln klebt Schlamm. Das klebrige Torf schmatzt, wenn man die Beine mühevoll hebt. Die Strecke scheint länger und länger zu werden. Man muss sich vielleicht auch noch gegen einen aufkommenden Wind stemmen. Dann bekommen auch die Alteingesessenen Panik, sie könnten es nicht schaffen: Wer fällt, ist verloren.

Dann blinken gelbe Sandkörner am Schlamm der Stiefel. Noch ein paar Schritte und vor einem liegt der Stegel. Wollgräser bleiben zurück und man kann sich im Schatten eines Knicks oder auf einem Streifen Geest erholen.

Ein depressiver Rückfall ist wie ein tückisches Moor: Ich vergesse meinen Alltag nicht, aber ich habe keine Kraft mehr, außer mich von einem Moment zum nächsten treiben zu lassen. Es kann einen Anlass geben – wie ein aufkommender Wind, gegen den ich mich stemmen muss -, aber es kann auch wieder sehr schleichend kommen. „Sich treiben lassen“ klingt so leicht, aber es ist eher „getrieben sein“, ohne dass ich den Anlass kenne. Ich konzentriere meine Kräfte auf das Nächstliegende und weiß gleichzeitig, dass es falsch ist. Gerade dann sollte ich …. ja, ich sollte, mache ich aber nicht.

Manchmal geht es nach ein paar Tagen wieder, manchmal brauche ich Wochen. Irgendwann weiß ich dann: Jetzt kommt der Rückzug aus dem Rückfall, dann reichen die Kräfte auch wieder für einen Blogeintrag.