Ich staub mich selber ab …

 

Nothing’s impossible, I have found
For when my chin is on the ground.
I pick myself up,
I dust myself off
And start all over again.

Don’t lose your confidence If you slip
Be grateful for a pleasant trip
And pick yourself up,
Dust yourself off
And start all over again.

Work like a soul inspired
Until the battle of the day is won.
You may be sick and tired,
But you’ll be a man, my son.

Will you remember the famous men
Who had to fall to rise again
So picked themselves up
And dust themselves off
And start’d all over again.

 

Heute war wieder ein etwas dunkler Tag, an dem auch die Tabletten nicht wirklich halfen. Darum habe ich mir diesen alten Jazz-Standard immer wieder angehört. Geschrieben wurde das Lied 1936 von Jerome Kern und Dorothy Fields – in einer Zeit also, die nun auch nicht gerade dafür berühmt ist, dass es den Leuten gut ging. Anita O’Day nahm das Lied 1956 für ihr Album „Pick yourself up with Anita O’Day“ (Verve) auf-

Sie wurde einmal gefragt, warum sie als so schwierig gelte, darauf meinte sie, sie sei gar nicht schwierig, sie gehe nur davon aus, dass jeder wisse, was er zu tun habe; sie wisse das ja auch.

Den Text zitierte Barack Obama bei seiner Antrittsrede 2009: „Starting today, we must pick ourselves up, dust ourselves off, and begin again the work of remaking America.“

Na, wenn das so ist – dann werde ich mich mal abstauben ….

Neben-Bücher

Es gibt ein „Hauptbuch“ – einen Roman oder ein Sachbuch -, dem ich meine ganze Aufmerksamkeit widme, darum brauche ich auch ziemlich lange für ein Buch. Auf meinem Nachttisch liegen stets zwei, drei Bücher, in denen ich blättere, damit ich nach einem anstrengenden Tag noch etwas entspanne.

Zur Zeit liegt dort unter anderem ein Band mit Gedichten von Matthias Claudius. Ich kann die Gedichte nicht auswendig; wenn ich mich nicht konzentriere, habe ich sowieso ein schlechtes Gedächtnis. Aber die Gedichte sind mir vertraut.

Eine Zeit lang lag neben meinem Bett „Leberecht Hühnchen“ von Heinrich Seidel, einfache Glücksgeschichten, Idyllen aus Gegenden, die heute – 130 Jahre später – längst großstädtischer Teil Berlins geworden sind.

Bis auf eines wechseln diese Nebenbücher und, bevor ich das Licht ausmache, nehme ich mir für jedes Buch ein paar Zeilen Zeit. Wenn es einmal später geworden ist und der Wecker am nächsten Morgen trotzdem um 5.30 Uhr läuten wird, dann denke ich erst, dass ich auf das Lesen verzichten sollte. Aber ich kann nicht richtig einschlafen, dann stehe ich leise auf, um meinen Freund nicht zu wecken, nehme eines der Bücher und setze mich für ein paar Minuten ins Wohnzimmer. Danach klappt es auch wieder mit dem Einschlafen.

Mittwochs-Affäre

Ob ich es wirklich eine „Affäre“ nennen sollte, da bin ich mir unsicher. Jeden Mittwoch, an meinem freien Tag, verabrede ich mich. Es ist nicht so, dass mein Freund mich langweilt, aber in manchen Punkten gehen unsere Interessen auseinander.

Ist es eine Affäre? Ich meine, es ist nichts Sexuelles. Ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, dass ich mit meiner Mittwochsverabredung in dieser Hinsicht etwas anfange.

Aber ich kann mittwochs Dinge machen, die ich im Beisein meines Lebensgefährten nicht machen kann: Mein Freund mag Stummfilme nicht besonders, und wenn eine Opernaufnahme läuft, dann redet er immer dazwischen. Darum bin ich froh, dass ich mittwochs „sturmfreie Bude“ habe und mich verabreden kann:

Vormittags läuft ein alter Film, mittags gibt es etwas zu essen, was mein Freund nicht mag, danach ein kleines Schläfchen (aber ganz sittsam, wie gesagt). Wenn dann eine Oper läuft (oder eines dieser herrlichen Interviews von August Everding mit Opernstars), dann mache ich eine große Kanne Tee dazu (mein Freund trinkt nur Kaffee) und zum Abschluss wird gelesen – in aller Stille, ganz bedächtig.

Jeden Mittwoch verabrede ich mich mit mir – nichts Sexuelles, aber was Ernstes.

 

Martin Suter: Montecristo

Im letzten Jahr meinte mein Therapeut, ich solle mal wieder Bücher von lebenden Autoren lesen (ich bin ein Klassiker-Fan) – also bin ich losgezogen und habe eingekauft. Unter meiner Beute befand sich auch Martin Suters „Montecristo“.

Ich mag Krimis, Wirtschaftskrimis lese ich selten. Naja, dachte ich, Martin Suter ist bekannt, gute Kritiken und ein ansprechender Klappentext. Leider hat „Montecristo“ bestätigt, dass ich Wirtschaftskrimis langweilig finde: Wenn sich auch die Branchen ändern – Banken, Versicherungen, Lebensmittel, Bücher -, sie bleiben vorhersehbar. Auch „Montecristo“ macht bei der Auflösung keine Ausnahme und der Schluss ist enttäuschend konstruiert. Die Spannung hält sich auch in Grenzen, weil die Puzzle-Teile schlicht zu groß sind, um etwas zu übersehen.

Vielleicht hätte sich Martin Suter Anregungen bei ein paar guten Spionageromanen holen sollen oder wenigstens zwei Hitchcock-Filme mehr sehen sollen.

Barthold Heinrich Brockes: Meine Seele hört im Sehen

 

Meine Seele hört im Sehen,
Wie, den Schöpfer zu erhöhen,
Alles jauchzet, alles lacht.
Höret nur,
Des erblühnden Frühlings Pracht
Ist die Sprache der Natur,
Wie sie deutlich durchs Gesicht,
Allenthalben mit uns spricht.

Barthold Heinrich Brockes (22.09.1680 bis 16.01.1747) war einer der Mitbegründer der „Teutsch-übenden Gesellschaft“ in Hamburg (nicht zu verwechseln mit der Teutschübenden Poetischen Gesellschaft“ in Leipzig). Die Teutsch-übende Gesellschaft bestand von 1715 bis 1717; sie hatte zwar nur wenige Mitglieder, nahm aber Einfluss auf die Bildungseinrichtungen in Hamburg (Akademisches Gymnasium, Johanneum). Brockes war auch Mitglied der „Patriotischen Gesellschaft“, die die Wochenschrift „Der Patriot“ herausgab, in der das gesellschaftliche Leben behandelt wurde (für die Jüngeren unter uns: Das war so eine Art Blog des 18. Jahrhunderts).

Das Passions-Oratorium von Brockes wurde von Händel, Telemann, Fasch und anderen Komponisten vertont. Teile der Brockes-Passion verarbeitete Bach in seiner Johannes-Passion.

Aus Brockes Gedichtband „Irdisches Vergnügen in Gott“ wählte Händel neun Gedichte aus und komponierte sie zu seinen Neun deutschen Arien (HWV 202-210). Brockes versuchte mit seinen Gedichten, die Natur als Vermittlerin zwischen Mensch und Gott darzustellten. Im Gegensatz zu seinen italienischen oder englischen Werken komponierte Händel die deutschsprachigen Gedichte beinahe minimalistisch: eine Solostimme, Generalbass und ein Begleitinstrument.

Das obige Gedicht passt vielleicht nicht gerade zum heutigen Wetter, aber von Dame Emma Kirkby gesungen klingt es einfach nach Frühling:

 

23. und 25.04. – Frankreich wählt – Die Guillotine

23.04.

Am Sonntag findet der erste Wahlgang zur Wahl des Staatspräsidenten in Frankreich statt. Ob bei diesem ersten Wahlgang schon ein Präsident feststehen wird oder ob – wie üblich – eine weitere Wahl stattfinden muss, ist noch offen.

Wenn ich mir die Medien durchschaue, scheinen wir Deutsche ein Interesse an Wahlen wie an Sport zu haben: Parteien und ihre Anhänger statt Fußballvereine und ihre Fans, Spitzenkandidaten statt Torjäger, Wahlgewinne statt Spielergebnisse; sind nicht auch die Kommentare ähnlich: Statt „Lauf, du alter Sack“ – „The economy, stupid“?

Auf die Wahlen in anderen Staaten, anderen Bundesländern, anderen Kommunen- wie auf Sportereignisse – haben wir überhaupt keinen Einfluss. Ist Politik nichts Anderes als Sport der Sportmuffel?

25.04.

Frankreich nach der Erstürmung der Bastille:

Jose-Ignace Guillotin war ein Arzt, der unter Hinweis auf die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte eine Art der Todesstrafe für alle Verbrecher einführen wollte. Statt Richtschwert, Scheiterhaufen, Vierteilung, Hängen und Kochen sollte eine Maschine verwendet und – auf Drängen des Henkers von Paris, Charles Henri Sanson – die Leidenszeit der Verurteilten verkürzt werden.

Da sich die Gegner der Todesstrafe nicht durchsetzen konnten, beschloss die Nationalversammlung, zum Tode Verurteilte – wie von Guillotin vorgeschlagen – mit einer Maschine hinrichten zu lassen.

Der königliche (sic!) Leibarzt Antoine Louis legte einen Entwurf vor, der das Fallbeil von Halifax („Scottish Maiden“) zum Vorbild hatte: Es sollte ein halbrundes Fallbeil benutzt werden, das aber in Experimenten an Leichen die Köpfe nicht ganz abtrennen konnte.

Tobias Schmidt – ein in Paris lebender Klavierbauer aus Hessen – veränderte den Entwurf Louis‘ und verwendete eine schräge Schneide.

Zunächst wurde die Maschine Louison/Louisette genannt. In den Zeitungen setzte sich aber der Name „Guillotine“ durch. Nach Guillotins Tod versuchten seine Nachkommen den Namen der Guillotine zu ändern; als dies abgelehnt wurde, änderten sie ihren Familiennamen.

Am 25.04.1792 wurde Nicolas-Jacques Pelletier öffentlich mit der Guillotine hingerichtet. Bis 1870 wurde die Guillotine erhöht aufgestellt („Schafott“). Die letzte öffentliche Hinrichtung fand am 17.06.1939 statt (Eugen Weidmann). Danach wurde hinter Gefängnismauern hingerichtet.

Die Guillotine war 185 Jahre im Einsatz: Am 10.09.1977 wurde Hamida Djandoubi als Letzter mit einer Guillotine hingerichtet.

Paul Celan: Die Krüge

Für Klaus Demus

An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Mund wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.

Der Briefwechsel zwischen Paul Celan  und Klaus Demus ist 2009 bei Suhrkamp erschienen. Wie auch in dem Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann („Herzzeit“, Suhrkamp) blättere ich ganz gerne darin herum.

Das Gedicht „Die Krüge“ hat Celan 1949 geschrieben und seiner Freundin geschickt mit dem Bemerken, dass er es „dem kleinen Klaus“ schenken werde, aber dass es zuerst – wie alle Gedichte – ihr gehöre.

Celan lebte seit 1948 in Frankreich und fühlte sich sehr einsam. Das änderte sich erst 1951, als er seine spätere Frau kennen lernte.

Der Name „Celan“ wird nicht französisch ausgesprochen, sondern deutsch:mit Betonung auf der ersten Silbe.