Der dumme Gebührenzahler

Über eine halbe Stunde, nachdem die privaten Nachrichtensender ihr Programm unterbrochen haben, um über den möglichen Anschlag in Münster zu berichten, bequemte sich Tagesschau24 eine kleine Befragung mit einer Journalistin aus Köln (sic!) für zwei Minuten zu senden. Wer den privaten Nachrichtensendern nicht so recht traut, zu denen ich mich zähle, der bleibt im Augenblick auf Schriftbänder bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern beschränkt.

Dass ich zuerst bei WELT und NTV höre, dass und wie die Bundesregierung auf den möglichen Anschlag reagiert, ist eine Schande für den Gebührenmoloch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

17:39 h:

Die ARD zeigt unbeirrt ein Fußballspiel. Wenn es ein Schriftband mit Informationen gegeben haben sollte – jetzt ist es nicht zu sehen. Beim ZDF ist eine Reportage über zu dicke Kinder in Deutschland zu sehen, die man offenbar auch nicht unterbrechen wollte. Phoenix zeigt einen Bericht über Geheimbünde, wenigstens mit langsamen Textinformationen. Dem WDR mundet „Land und lecker“ (mit Schriftband). Tagesschau24 wiederholt irgendeine Krontaste-Sendung (auch mit Schriftband).

NTV, WELT und Euronews zeigen Bilder der abgeriegelten Altstadt. Ich schalte zwischen den Sendern hin und her und treffe seit 40 Minuten nicht auf eine einzige Werbeunterbrechung.

Was für eine Schande für das öffentlich-rechtliche Fernsehen!

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Dumme Sprüche

„Du musst das so sehen“, sagte eine Bekannte, „heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.“

„Was für ein Sch..ß“, entfuhr es mir, „dann werde ich wohl noch nicht mal 50!“

Friederike Kempner

Lasst mich in die Wüste eilen,
Wo die siebzig Palmen sind.
Dort in der Oase weilen,
Wo die Quelle ewig rinnt.

Dort in jenen schlanken Bäumen
Mit dem großen Geist allein,
Will ich alle glücklich träumen
Und will selber glücklich sein.

Man nannte sie die „schlesische Nachtigall“ und das war kein Kompliment. Berühmt wurden ihre Gedichte durch ihre unfreiwillige Komik („Von der Decke bis zur Diele / Muss der Schweiß herunter rinnen, / Willst gelangen du zum Ziele, / Wohlverdienten Preis gewinnen.“)

Friederike Kempner wurde am 25.06.1836 in die Familie eines wohlhabenden jüdischen Gutspächters in der Nähe Posens geboren. Als lediges Gutsfräulein setzte sie sich für Kranke und Arme ein, aber auch gegen die Einzelhaft und Zellengefängnisse („Das Büchlein von der Menschheit. Mit einem Anhange: Gegen die Einzelhaft oder das Zellengefängnis„) und – weil sie Angst hatte, lebendig begraben zu werden – für Leichenshäuser („Denkschrift über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern„). Sie starb am 23.02.1904 auf ihrem Gut Friederikenhof.

Von ihren schriftstellerischen Werken werden ab und zu noch ein paar Gedichte veröffentlicht, die den Kitsch der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am besten repräsentieren.

Peter Hacks schrieb 1966 eine Abhandlung über „Das Poetische“. Er stellte seinem Essay zwei Zitare voran: „Die Partei, die Partei, / Die Partei (sic!) hat immer recht“ (Louis Fürnberg) und „Die Poesie, die Poesie, / Die Poesie hat immer recht“ (Friederike Kempner). Fürnberg als Kempner der Partei? Kempner als Fürnberg der Lyrik? Zusammen mit Nick Barkow gab Hacks 1989 bei Rütten & Loening „Dichterleben. Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte“ von Friederike Kempner heraus.

Durch die unfreiwillige Komik und den Kitsch spürt man heute immer noch eine Lebensfreude, die sie mit ihren Lesern teilen wollte; sie greift nach der ganzen Welt, ihr bleiben doch nur Scherben, und die versucht sie auch noch hocherhobenen Hauptes empor zu halten und fischt dazu genau das falsche Bild heraus. Ich finde das rührend.

Nur allein kann ich erstarken,
Nur allein sprießt mir die Kraft
Tret‘ ich in des Kampfes Marken,
Mit des Mutes Eigenschaft.

Sag‘ ich los mich jenem Jammer,
Jenem tiefen Seelenweh,
Gürte meine Lenden strammer
Und gepanzert fest ich steh‘!

Fest wie eine Memnonsäule,
Unter mir den Staub der Welt,
Ob mein Blick auch d’rauf verweile –
’s ist der Blick von einem Held!

 

Flüchtig ist das Weltliche,
Besser ist die Tugend,
Denn nach kurzer Jugend
Folget bald das Ältliche.

„Die Sendung der Lysistrata“

Im Augenblick fällt es mir schwer zu lesen. Zum Glück gibt es wundervolle Filme, z. B. „Die Sendung der Lysistrata“ gehört dazu.

Fritz Kortners erster Fernsehfilm sorgte 1961 für Aufregung. Nicht nur der Bayerische Rundfunk, sondern auch WDR, SR, SWF und SDR waren gegen die Ausstrahlung. Letztlich blieben nur die Bildschirme in Bayern schwarz. Erst 1975 wurde dort „Die Sendung der Lystrata“ gesendet. Es war das erste Mal, dass eine Sendung des Gemeinschaftsprogramms nicht von allen Sendern ausgestrahlt wurde.

Das von anzüglicher Thematik bestimmte Werk bedingt, daß etwa die Darstellerin Romy Schneider in der Rolle der Lysistrata-Gefährtin Myrrhine Verse deklamieren muß, die der einstigen „Sissy“-Interpretin seltsam anstanden. „Leg dich hin und schließ die Augen“, spricht Romy-Myrrhine in der Kortner-Fassung. „Ich zieh mich aus. Es fehlt was Weiches! Die Unterlage!“ Reclams „Schauspielführer“ über „Lysistrata“: „… in der ungeschminkten Darstellung derb-natürlichen Trieblebens … einmalig in der Theater-Geschichte.

Der Spiegel 51/1960 „Ehestreik gegen Atomkrieg“ –

Der WDR-Fernsehdirektor Dr. Lange erklärte laut Spiegel: „Mit meiner Frau zusammen würde ich den Fernsehfilm nicht sehen wollen. Auch nicht mit meinem 19jährigen Sohn.“

„Lysistrate“ ist ein sprechender Name und bedeutet „die das Heer Auflösende“. Im Krieg zwischen Athen und Sparta fordert sie die Frauen auf, den Geschlechtsverkehr mit ihren Männern zu verweigern. Diese Geschichte hat Aristophanes (450/444 – 380 v. Chr.) in eine Komödie mit deutlichen Worten und voller Anzüglichkeiten gepackt.

Ich habe das Stück in den 80er Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass ich es sehr viel witziger fand, wie der Übersetzer der „Lysistrate“ mit den sexuellen Anspielungen und Ausdrücken kämpfte.

So ist auch die Sprache in Kortners „Die Sendung der Lysistrata“. Man braucht schon viel Fantasie, um die Anzüglichkeiten herauszuhören, die damals die Fernsehanstalten (und auch die Kritiker) so aufregten.

Die Rahmenhandlung der „Sendung der Lysistrata“ hat Kortner selbst geschrieben: Vier Ehepaare treffen sich, um sich die griechische Tragödie „Lysistrate“ im Fernsehen anzuschauen. Dabei kommt es zu Auseinandersetzungen über die atomare Bedrohung der damaligen Zeit.

Kortner legte als Schauspieler viel Wert auf Ausdruck und Gesten, Mimik und Bewegung waren ihm nicht ganz so wichtig. Das merkt man auch diesem Film: Manchmal sehen die Schauspieler – in der Rahmenhandlung und in der Komödie – etwas hölzern aus. Es ist mehr eine Theateraufführung als ein Fernsehfilm.

Aber gerade, was den Spiegel störte, finde ich heute besonders gut: Romy Schneider als lüsterne Myrrhine, die von Anfang an ahnt, dass es ihr sehr schwer fallen wird, auf den Sex zu verzichten. Aber gegen ihr „Sissy“-Image kam sie in Deutschland nicht mehr an.

Wer eine gute Übersetzung der „Lysistrate“ lesen will, dem empfehle ich die Übersetzung von Niklas Holzberg bei Reclam.

Ein Winteressen zum Frühlingsanfang

Wenn es draußen kalt ist, wenn sogar Schnee liegt – dann macht nur Fett glücklich. Gestern gab es Kohlrouladen mit Kartoffeln, heute mit Kartoffelpüree.

Es ist nicht so, dass ich mir zum Frühlingsanfang nicht ein anderes Essen gewünscht hätte – aber was ist das schon für ein Anfang mit Schnee?

In den vergangenen Wochen, zumal in denen ohne Heizung, gab es jede Menge deftiges Essen, das gemeinhin als „deutsch“ bezeichnet wird. Wir haben versucht, „leichtere“ Varianten zu kochen – aber das ist so, als ob man mediterrane Gerichte deftiger machen möchte: Es schmeckt einfach nicht. Nach ein paar Versuchen haben wir uns dann auch nur noch gedacht: „Wenn schon, denn schon …“

Morgen gibt’s den Rest Weißkohl dann als Jägerkohl mit Mettwurst – kein kalorienarmes Gedöns.

 

 

Wir hatten einen Zauberspiegel

Mitte/Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – ja, so lange ist das schon her – zog das Wirtschaftswunder auch in die kleinen dörflichen Siedlungshäuser ein, die sich Schwäbisch Hall sei Dank auch junge Arbeiterfamilien leisten konnten. Bei uns – wie bei so vielen – war es ein Zauberspiegel, den unsere Eltern uns leisteten.

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Der Grundig Zauberspiegel brachte uns drei Programme ins Wohnzimmer: ARD, ZDF, NDR. Nur bei Überreichweiten kamen holländische Sender bis zur Unkenntlichkeit verschneit und stumm hinzu (das interessierte aber nur meinen acht Jahre älteren Bruder).

Ich weiß, dass viele meinen, „Unser Sandmännchen“ aus der DDR sei „kult“. Aber ganz ehrlich, wenn das Sandmännchen nicht „Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich habe euch was mitgebracht“ sagt und vorher auf einer Wolke angeflogen kommt, dann ist es eben doch nicht das „richtige“ Sandmännchen. Wenn die tschechischen Märchenfilme auch gut sind, kommen sie eben nicht mit „Lukas, dem Lokomotivführer“, „Kater Mikesch“, dem „kleinen König Kalle Wirsch“ oder dem gut brüllenden „Löwen“ mit.

Der Zauberspiegel hielt über Jahre hinweg, wenn er auch reparatur- und ständig pflegebdürftiger wurde. Das lag wahrscheinlich daran, dass meine Mutter – wie so viele Hausfrauen – den Fernseher mit Deckchen verzierte und als Abstellplatz für Nippes benutzte.

Wir blieben lange ohne Farbfernseher. Und ich begriff einfach nicht, was an „Flipper“ so besonders sein sollte – das Tier war auch in Farbe grau! (Gut, nachdem sich meine Eltern scheiden ließen, war Porter Ricks – Brian Kelly – meine erste Wahl als Ersatzvater). Sicher waren „Raumschiff Enterprise“, „Time Tunnel“ oder „Thunderbirds“ in Farbe überwältigend. Ich sah sie doch lieber Zuhause: Abgesehen davon, dass vor „Enterprise“ gebadet werden musste – ich konnte meinen Stuhl zum Fenster schieben, meine Füße auf die Heizung legen (meistens regnete es, manchmal schneite es, aber immer zog der Wind durch die Ritzen der Holzfenster mit der Einfachverglasung) und ich hatte einen guten Blick auf den Fernseher.

Der Zauberspiegel prägte lange Zeit mein Weltbild. Das Bild rollte immer wieder und ich dachte lange Zeit, die Welt wäre so gebaut wie unser Haus: Ganz oben der Dachboden, darunter die Kinderzimmer, darunter die übrigen Räume und schließlich der Keller. Es war doch völlig klar, dass „Kasper und Rene“ über dem Hasen Cäsar wohnten oder Hilde, Puppi und Teddy über dem Kater Mikesch (Hilde brauchte nur die Etage für „Ich wünsch mir was“ zu wechseln).

Wir hatten einen richtigen Zauberspiegel.

Gentleman

Ich bin ein Modemuffel. Gut, ich trage Jeans und T-Shirts und keine Toga, also kleide ich mich schon zeitgemäß. Bei mir gibt es neue Kleidungsstücke erst, wenn die alten zerfallen. Ich trage im Büro Jackett und Krawatte, weil ich den Feierabend umso schöner finde, wenn ich beides ausziehen kann. Krawatten sind das einzige an Kleidungsstücken, die mich wirklich interessieren. Ich freue mich auch immer darüber, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten neue Krawatten bekomme. Aber es ist doch eher eine simple Frage, dass Hemd, Krawatte und Jackett zueinander passen. Ich würde das nicht Mode nennen.

Es gibt nur wenige Anlässe, zu denen ich mich wirklich um meine Kleidung bemühe: Familien- oder Weihnachtsfeiern, Theater- oder Opernabende. Ich weiß, es ist ziemlich snobistisch, aber dann möchte ich gut angezogen sein. Natürlich gibt es für diese Anlässe „gute Anzüge“, die ich nicht ins Büro anziehen würde. Das sind auch die Anlässe, an denen ich den „guten Duft“ auflege: „Gentleman“ von Givenchy.

Viele Männer finden „Gentleman“ zu schwer, zu herb, zu männlich. Das ist auch richtig: Der Duft hat nichts von den modernen sportlich-frischen Düften und schon gar nichts von denen, die Mann und Frau tragen können sollen. Wer jugendlich sein will – von denen gibt es bei uns Ü50 bekanntlich jede Menge -, für den ist „Gentleman“ sicher keine gute Wahl.

Tagsüber würde ich „Gentleman“ auch nicht benutzen, dafür gibt es die moderneren Varianten des Dufts; ich weiche dann auch eher auf „Monsieur“ von Givenchy aus. Aber abends, wenn es etwas Besonderes sein soll, dann verzichte ich seit Jahrzehnten nicht auf „Gentleman“.

Der französische Modeschöpfer Hubert de Givenchy ist am 10.03.2018 im Alter von 91 Jahren gestorben. Ich muss gestehen, dass ich außer den Kleidern, die er für Audrey Hepburns entwarf (z. B. in „Frühstück bei Tiffany“), seinen Stil überhaupt nicht kenne. Ich bin ein Modemuffel, der tatsächlich ein Kleid von Givenchy nicht von einem Kleid von Chanel unterscheiden kann. Aber „Gentleman“ oder „Monsieur“ von Givenchy ziehe ich jedem „Monsieur de Chanel“ vor.