Friederike Kempner

Lasst mich in die Wüste eilen,
Wo die siebzig Palmen sind.
Dort in der Oase weilen,
Wo die Quelle ewig rinnt.

Dort in jenen schlanken Bäumen
Mit dem großen Geist allein,
Will ich alle glücklich träumen
Und will selber glücklich sein.

Man nannte sie die „schlesische Nachtigall“ und das war kein Kompliment. Berühmt wurden ihre Gedichte durch ihre unfreiwillige Komik („Von der Decke bis zur Diele / Muss der Schweiß herunter rinnen, / Willst gelangen du zum Ziele, / Wohlverdienten Preis gewinnen.“)

Friederike Kempner wurde am 25.06.1836 in die Familie eines wohlhabenden jüdischen Gutspächters in der Nähe Posens geboren. Als lediges Gutsfräulein setzte sie sich für Kranke und Arme ein, aber auch gegen die Einzelhaft und Zellengefängnisse („Das Büchlein von der Menschheit. Mit einem Anhange: Gegen die Einzelhaft oder das Zellengefängnis„) und – weil sie Angst hatte, lebendig begraben zu werden – für Leichenshäuser („Denkschrift über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern„). Sie starb am 23.02.1904 auf ihrem Gut Friederikenhof.

Von ihren schriftstellerischen Werken werden ab und zu noch ein paar Gedichte veröffentlicht, die den Kitsch der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am besten repräsentieren.

Peter Hacks schrieb 1966 eine Abhandlung über „Das Poetische“. Er stellte seinem Essay zwei Zitare voran: „Die Partei, die Partei, / Die Partei (sic!) hat immer recht“ (Louis Fürnberg) und „Die Poesie, die Poesie, / Die Poesie hat immer recht“ (Friederike Kempner). Fürnberg als Kempner der Partei? Kempner als Fürnberg der Lyrik? Zusammen mit Nick Barkow gab Hacks 1989 bei Rütten & Loening „Dichterleben. Himmelsgabe. Sämtliche Gedichte“ von Friederike Kempner heraus.

Durch die unfreiwillige Komik und den Kitsch spürt man heute immer noch eine Lebensfreude, die sie mit ihren Lesern teilen wollte; sie greift nach der ganzen Welt, ihr bleiben doch nur Scherben, und die versucht sie auch noch hocherhobenen Hauptes empor zu halten und fischt dazu genau das falsche Bild heraus. Ich finde das rührend.

Nur allein kann ich erstarken,
Nur allein sprießt mir die Kraft
Tret‘ ich in des Kampfes Marken,
Mit des Mutes Eigenschaft.

Sag‘ ich los mich jenem Jammer,
Jenem tiefen Seelenweh,
Gürte meine Lenden strammer
Und gepanzert fest ich steh‘!

Fest wie eine Memnonsäule,
Unter mir den Staub der Welt,
Ob mein Blick auch d’rauf verweile –
’s ist der Blick von einem Held!

 

Flüchtig ist das Weltliche,
Besser ist die Tugend,
Denn nach kurzer Jugend
Folget bald das Ältliche.

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3 Gedanken zu “Friederike Kempner

  1. Stimmt, das ist irgendwie rührend.

    Apropos Angst vor dem Lebendig-begraben-Werden: Wusstest Du, dass man früher in den Aufbahrungshallen auf den Friedhöfen die Leichen vor der Bestattung ein paar Tage beobachtet hat, ob sich wirklich keine mehr rührt? – In einer dieser ehemaligen Aufbahrungshallen an der Bergmannstraße hat vor nicht allzu langer Zeit das Café Strauss eröffnet. Ich habe schon lange vor, mir das mal anzusehen. Wenn es Dich/Euch mal nach Kreuzberg verschlägt, magst Du Dir das vielleicht auch ansehen. Wenn es dann zu zinister ist, bleibt ganz in der Nähe ja noch die Marheineke-Halle.

    1. Ist nicht erstaunlich, dass Leichenhäuser erst ab dem 18. Jahrhundert gebaut wurden? Ich habe eine Zeit lang in Rathenow gewohnt. Das dortige Leichenhaus von 1759 ist gleichzeitig das Torgebäude des Friedhofs. Heute finden dort Veranstaltungen (Diskussionen usw.) eines Vereins statt.

      Also, ich würde mir das gerne mal ansehen. Da sollten wir uns mal verabreden.

      1. Das Torgebäude als Leichenschauhaus – wie geradezu sinnüberladen!

        Wir können uns gerne verabreden.

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