„Die Sendung der Lysistrata“

Im Augenblick fällt es mir schwer zu lesen. Zum Glück gibt es wundervolle Filme, z. B. „Die Sendung der Lysistrata“ gehört dazu.

Fritz Kortners erster Fernsehfilm sorgte 1961 für Aufregung. Nicht nur der Bayerische Rundfunk, sondern auch WDR, SR, SWF und SDR waren gegen die Ausstrahlung. Letztlich blieben nur die Bildschirme in Bayern schwarz. Erst 1975 wurde dort „Die Sendung der Lystrata“ gesendet. Es war das erste Mal, dass eine Sendung des Gemeinschaftsprogramms nicht von allen Sendern ausgestrahlt wurde.

Das von anzüglicher Thematik bestimmte Werk bedingt, daß etwa die Darstellerin Romy Schneider in der Rolle der Lysistrata-Gefährtin Myrrhine Verse deklamieren muß, die der einstigen „Sissy“-Interpretin seltsam anstanden. „Leg dich hin und schließ die Augen“, spricht Romy-Myrrhine in der Kortner-Fassung. „Ich zieh mich aus. Es fehlt was Weiches! Die Unterlage!“ Reclams „Schauspielführer“ über „Lysistrata“: „… in der ungeschminkten Darstellung derb-natürlichen Trieblebens … einmalig in der Theater-Geschichte.

Der Spiegel 51/1960 „Ehestreik gegen Atomkrieg“ –

Der WDR-Fernsehdirektor Dr. Lange erklärte laut Spiegel: „Mit meiner Frau zusammen würde ich den Fernsehfilm nicht sehen wollen. Auch nicht mit meinem 19jährigen Sohn.“

„Lysistrate“ ist ein sprechender Name und bedeutet „die das Heer Auflösende“. Im Krieg zwischen Athen und Sparta fordert sie die Frauen auf, den Geschlechtsverkehr mit ihren Männern zu verweigern. Diese Geschichte hat Aristophanes (450/444 – 380 v. Chr.) in eine Komödie mit deutlichen Worten und voller Anzüglichkeiten gepackt.

Ich habe das Stück in den 80er Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass ich es sehr viel witziger fand, wie der Übersetzer der „Lysistrate“ mit den sexuellen Anspielungen und Ausdrücken kämpfte.

So ist auch die Sprache in Kortners „Die Sendung der Lysistrata“. Man braucht schon viel Fantasie, um die Anzüglichkeiten herauszuhören, die damals die Fernsehanstalten (und auch die Kritiker) so aufregten.

Die Rahmenhandlung der „Sendung der Lysistrata“ hat Kortner selbst geschrieben: Vier Ehepaare treffen sich, um sich die griechische Tragödie „Lysistrate“ im Fernsehen anzuschauen. Dabei kommt es zu Auseinandersetzungen über die atomare Bedrohung der damaligen Zeit.

Kortner legte als Schauspieler viel Wert auf Ausdruck und Gesten, Mimik und Bewegung waren ihm nicht ganz so wichtig. Das merkt man auch diesem Film: Manchmal sehen die Schauspieler – in der Rahmenhandlung und in der Komödie – etwas hölzern aus. Es ist mehr eine Theateraufführung als ein Fernsehfilm.

Aber gerade, was den Spiegel störte, finde ich heute besonders gut: Romy Schneider als lüsterne Myrrhine, die von Anfang an ahnt, dass es ihr sehr schwer fallen wird, auf den Sex zu verzichten. Aber gegen ihr „Sissy“-Image kam sie in Deutschland nicht mehr an.

Wer eine gute Übersetzung der „Lysistrate“ lesen will, dem empfehle ich die Übersetzung von Niklas Holzberg bei Reclam.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s