Wir hatten einen Zauberspiegel

Mitte/Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – ja, so lange ist das schon her – zog das Wirtschaftswunder auch in die kleinen dörflichen Siedlungshäuser ein, die sich Schwäbisch Hall sei Dank auch junge Arbeiterfamilien leisten konnten. Bei uns – wie bei so vielen – war es ein Zauberspiegel, den unsere Eltern uns leisteten.

Zauberspiegel_T660

Der Grundig Zauberspiegel brachte uns drei Programme ins Wohnzimmer: ARD, ZDF, NDR. Nur bei Überreichweiten kamen holländische Sender bis zur Unkenntlichkeit verschneit und stumm hinzu (das interessierte aber nur meinen acht Jahre älteren Bruder).

Ich weiß, dass viele meinen, „Unser Sandmännchen“ aus der DDR sei „kult“. Aber ganz ehrlich, wenn das Sandmännchen nicht „Nun, liebe Kinder, gebt fein acht, ich habe euch was mitgebracht“ sagt und vorher auf einer Wolke angeflogen kommt, dann ist es eben doch nicht das „richtige“ Sandmännchen. Wenn die tschechischen Märchenfilme auch gut sind, kommen sie eben nicht mit „Lukas, dem Lokomotivführer“, „Kater Mikesch“, dem „kleinen König Kalle Wirsch“ oder dem gut brüllenden „Löwen“ mit.

Der Zauberspiegel hielt über Jahre hinweg, wenn er auch reparatur- und ständig pflegebdürftiger wurde. Das lag wahrscheinlich daran, dass meine Mutter – wie so viele Hausfrauen – den Fernseher mit Deckchen verzierte und als Abstellplatz für Nippes benutzte.

Wir blieben lange ohne Farbfernseher. Und ich begriff einfach nicht, was an „Flipper“ so besonders sein sollte – das Tier war auch in Farbe grau! (Gut, nachdem sich meine Eltern scheiden ließen, war Porter Ricks – Brian Kelly – meine erste Wahl als Ersatzvater). Sicher waren „Raumschiff Enterprise“, „Time Tunnel“ oder „Thunderbirds“ in Farbe überwältigend. Ich sah sie doch lieber Zuhause: Abgesehen davon, dass vor „Enterprise“ gebadet werden musste – ich konnte meinen Stuhl zum Fenster schieben, meine Füße auf die Heizung legen (meistens regnete es, manchmal schneite es, aber immer zog der Wind durch die Ritzen der Holzfenster mit der Einfachverglasung) und ich hatte einen guten Blick auf den Fernseher.

Der Zauberspiegel prägte lange Zeit mein Weltbild. Das Bild rollte immer wieder und ich dachte lange Zeit, die Welt wäre so gebaut wie unser Haus: Ganz oben der Dachboden, darunter die Kinderzimmer, darunter die übrigen Räume und schließlich der Keller. Es war doch völlig klar, dass „Kasper und Rene“ über dem Hasen Cäsar wohnten oder Hilde, Puppi und Teddy über dem Kater Mikesch (Hilde brauchte nur die Etage für „Ich wünsch mir was“ zu wechseln).

Wir hatten einen richtigen Zauberspiegel.

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2 Gedanken zu “Wir hatten einen Zauberspiegel

  1. Was dieser Zauberspiegel angerichtet hat sieht man ja an der heute erwachsenen Zauberspiegel- Generation und ihren noch katastrophalen PC- und Videospiel- Kindern … 😉
    Liebe Grüße und
    paradise your life!

    1. Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit – an Internet und Videospielen, an Fernsehen und „Hottentotten-Musik“, an Kino und Radio, an „Werthers Leiden“ und anderen Romanen, an all den Dingen, die der Jugend gefallen, vorbei -, dann treffen wir wahrscheinlich auf zwei Alte, die im Aurignacien vor einer Höhle stehen und sich über die schlimme Jugend und „ihre furchtbaren Kritzeleien da drinnen“ beklagen 😉

      Schönes Wochenende
      EMJ

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