Wie man’s macht, ist es verkehrt?

DW-Artikel über „Hitler-Glocke“

Eine Musiklehrerin hatte festgestellt, dass eine Kirchenglocke im Nachbardorf die Gravur „Alles für’s Vaterland Adolf Hitler“ trug. Sie wandte sich an die Lokalpresse und die „Hitler-Glocke“ machte weltweit Schlagzeilen. Nachdem der Gemeinderat beschlossen hat, die Kirchenglocke weiterhin hängen und tönen zu lassen, befürchtet die Musiklehrerin, dass die Kirche nun zur Wallfahrtsstätte für Rechtsradikale wird.

Mir schoss durch den Kopf: „Wenn sie geschwiegen hätte, dann könnten keine ‚Pilgerfahrten‘ zur dieser die unternommen werden.“ Aber Schweigen ist doch keine Alternative. Dann besser die Glocke zum Schweigen bringen und museal konservieren? Würden dann die Scharen von Rechtsradikalen ausbleiben? Ein „Selfie“ vor einem Museumsstück ist einfacher zu haben als mit einer im Kirchturm unzugänglichen Glocke. Also die Glocke einschmelzen – weg damit? „Verschollen“ ist ein sprachliches Überbleibsel eines einstigen Verbes „verschallen“ (also „verhallen“).

Wie man’s macht, ist es verkehrt? Muss eine Seite zum Schweigen gebracht werden? Hat die liebe Seele wirklich Ruh‘, wenn Stille herrscht?

Reden scheint auch nicht ganz so einfach: Die Sprache unserer Gesellschaft ist doch recht armselig, wenn wir auf religiöse Begriffe wie „Wallfahrten“, „Pilgerreisen“ oder „Bekennerschreiben“ – also religiöse Begriffe – zurückgreifen müssen, um äußerst weltliche Umstände zu beschreiben.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was sich die Musiklehrerin erhofft hatte – „dass man jetzt eine einem Mörder gewidmete Glocke in der Kirche hängen lässt“. Vergangenheitsbewältigung ist kein Verschwinde-Argument unliebsamer Erinnerungsstücke. Wir haben aus Angst vor Missdeutung und vor „mangelnder Aufarbeitungsbereitschaft“ schon viel zu viele Zeugnisse unserer Geschichte verschwinden lassen. Die Lager der Museen quellen über von entsprechenden Ausstellungsstücken, die natürlich nicht einfach ausgestellt werden können, sondern einen „Rahmen“ brauchen, der irgendwie nie zu kommen scheint.

So viel Mühe machen wir uns mit dem Barock oder der Romantik nicht – auch nicht beim Dreißigjährigen Krieg oder bei der napoleonischen Besatzung. Bei anderen Ereignissen unserer Epoche, der Neuzeit, haben wir also nicht so viel Angst vor Missverständnissen und vor „mangelnder Aufarbeitungsbereitschaft“. „Vergangenheitsbewältigung“ ist da nicht so gefragt. Liegt es an den mangelnden Zeitzeugen? Meinen wir mit „Vergangenheitsbewältigung“ „Gegenwartsbewältigung“? Es gibt genau so viele Gründe, aus der Zeit des Dritten Reichs zu lernen wie aus dem 17. oder 18. Jahrhundert.

Wenn man schon so viel Angst hat, dass eine simple Glocke Rechtsradikale zu „Pilgerreisen“ animiert, warum dann nicht diese „Pilgerfahrten“ für Demokraten organisieren oder zumindest eine größere Gegendemonstration (wie bei der Hess-Demo in Spandau)? Da ist das Misstrauen groß, so viele Demokraten wie man selbst könne es nicht geben.

Meine Einstellung zu Relikten aus dem Dritten Reich ist schlicht: Ich kenne niemanden, der eine Pfeilspitze fand und dadurch zum Neanderthaler wurde, der eine griechische Statue ansah und dadurch Koine sprach, der in einer mittelalterlichen Festung war und dadurch als Raubritter arglose Reisende überfiel. der eine Kirchenglocke hörte und dadurch zum Christen wurde. Meine Begegnungen mit AfD-Anhängern waren nicht jedes Mal angenehm, ich bin mir aber sicher, sie sind es nicht geworden, weil sie ein Hakenkreuz angesehen oder vor einer mit einem Hakenkreuz versehene Glocke gehört haben.

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3 Gedanken zu “Wie man’s macht, ist es verkehrt?

  1. Jetzt geht mir diese Glocke nicht aus dem Kopf, dass man meinen könnte es wäre die von Schiller. Aber von der Stirne heiß rennt mir noch nicht der Schweiß. Ich verstehe diese Lehrerin halt nicht. Wieso hängt die diese Glocke an die große Glocke, wenn sie doch Sorge hat, dass dadurch die Kirche zum Wallfahrtsort (!) für Rechtsradikale wird? Und wallfahren die zu Kirchen?
    Im Resümee hast du natürlich recht, man wird nicht Nazi, weil man eines Hakenkreuzes ansichtig wird. Wobei wir das Verbot von nationalsozialistischen Symbolen natürlich ernst nehmen müssen. Aber ein Hakenkreuz ist ja wohl auch nicht drauf, auf der Glocke. Wäre ja auch seltsam – einem Sonnenrad in einem christlichen Kirchturm.
    Wieder mal viel Geschrei aus geringem Anlass.
    Als ob es keine anderen Probleme gäbe.

    1. Ich meinte nicht, dass wir „fahrlässig“ mit den Nazi-Symbolen sein sollten (auf der Glocke ist ein fettes Hakenkreuz, ganz und gar nicht so dezent wie auf „unserer“ Olympiaglocke in Berlin). Die Glocke sieht man normalerweise nicht (anders als „unsere“ Olympiaglocke) und ich wüsste nicht, dass man das Hakenkreuz oder die Widmung hört, wenn die Glocke läutet. Hitler und Glocke gehören zu unserer Geschichte – wie soll ich daraus lernen, wenn sie nur verschwinden darf.

      Ich halte die bundesrepublikanische Bevölkerung übrigens nicht für dumm: Sie hat aus der Geschichte gelernt, allzu charismatischen Politikern zu misstrauen. Ich denke, darum sieht es bei der AfD auch eher aus, als ob jeder ihrer Spitzenpolitiker im Finanzamt (z. B. Gauland), als Schulrat (z. B. Weidel) oder im Bürgeramt (z. B. Meuthen) verknöchert sind. Aber tatsächlich sind unsere Beamte viel charismatischer und sehen auch lebendiger aus.

      1. Angesichts der zahlreichen Gedenkstätten kann man ja nicht behaupten, dass wir unsere Geschichte verschwinden lassen. Und witzigerweise dachte ich schon beim ersten Lesen Deines Eintrags genau dies: Man sieht die Glocke wahrscheinlich nicht, und hören wird man’s auch nicht, und eine neue Glocke wäre halt teuer. Die Frau hätte besser daran getan, der Sache die Bedeutung beizumessen, die sie verdient: KEINE.

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