Die Offenbarung – eine Offenbarung

Mein Chef ist ja auch SPD-Mitglied und leidet immer Augenblick wie viele Genossen unter den Umfragewerten. Er weiß auch noch nicht, wie er sich entscheiden soll – für oder gegen die „Große“ Koalition. Heute in der Mittagspause stöhnte er denn auch: „Wenn wir nur eine Vision hätten, die man mit dem Koalititonsvertrag verbinden könnten.“

ich sagte: „Das ist doch kein Problem.“ Dann setzte ich mich an den PC und schlug ihm die Offenbarung des Johannes auf. „Ihm den Weltuntergang vorzuschlagen, ist nicht besonders nett“, meinte mein Kollege, ein ausgesprochener Dan-Brown-Fan.

Aber ein guter Mensch lässt sich natürlich nicht abhalten, anderen zu helfen und seien sie noch so unwillig: „In der Offenbarung geht es doch nicht um den Untergang, sondern ums Überleben einer kleinen Gruppe.“

„Na, danke“, warf mein Chef ein.

Zur Zeit der Abfassung der Offenbarung gab es vielleicht ein paar hundert Christen , verteilt über das gesamte römische Reich in kleinen Gemeinden von 10 – 30 Personen. Sie hatten mit den alltäglichen Problemen der Antike und mit der beginnenden Christenverfolgung zu kämpfen.  Um die kleinen Gruppen zu ermutigen und zu bestärken, steigerte Johannes in Visionen und Auditionen die Alltagswelt immer weiter bis zu einem ultimativen kosmischen Ereignis, das nur die Christen überleben.

„Haben Sie es nicht ein bisschen praktischer?“

„Immerhin“, sagte ich, „hat das Christentum die Antike und das Mittelalter überstanden. Es gibt nicht Vieles, von dem man das behaupten kann. Die SPD hat immerhin Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich überstanden. Dagegen ist das jetzt doch ein Klacks. Wenn wir in 30 Jahren in unserem Altersheim sitzen, dann werden sie mit dem Kopf schütteln, dass Sie 2018/19 so ernst genommen haben.“

 

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7 Gedanken zu “Die Offenbarung – eine Offenbarung

  1. „…Position, in der sie versucht, Minderheiten anzusprechen, um daraus Mehrheiten zu gewinnen.“ Klarer Punkt für Deine Argumentation. – Nur was bleibt dann? Eine große Schnittmenge mit der CDU, die ihrerseits darauf bedacht sein wird, sich von der rechten AfD abzugrenzen.

    1. Finanzen gegen das Wirtschaft einzutauschen, war ein kluger Zug: Die CDU kann über Wirtschaft und Bildung und durch die von Bayern abgekoppelte Landwirtschaft genau in die Gebiete Geld hineinverteilen, in denen die AfD gewählt wurde. Es wird so viel Geld ausgegeben werden, dass der nächste Haushalt bestimmt rote Zahlen schreiben wird – welcher Unionspolitiker will dafür schon verantwortlich sein?

      Ich bin mir nicht sicher, ob jede Partei der Mehrheit der Wähler nur eine Schnittmenge mit der CDU zu bieten hat, um sie für sich zu gewinnen. Mit Arbeit und Soziales oder Justiz hat die SPD doch Ministerien, mit denen sie bei der Mehrheit richtig punkten könnte. Eine Reform des Familien- und Eherechts ist dringend erforderlich (und von der SPD schon einmal sehr erfolgreich durchgeführt worden). Die erreicht man aber nicht wenn man Lebenspartnerschaft zur Ehe macht. Und es sollte der SPD doch etwas mehr einfallen als das Festhalten an der Riesterrente.

      1. Wir werden sehen. Aber was die Partei auch braucht, ist wieder ein Kapitän – und der (oder die) muss keine Schiffermütze auf haben aber aus dem richtigen Holz sein – muss sozusagen Sozialdemokratie im Blut haben. Das war schon bei Schroeder nicht der Fall, und damit fing das Elend (für die SPD) ja auch an. Dass heute Sarah Wagenknecht sagt, im Gründe verstünde sie sich eher mit der CDU als mit der SPD, das bringt ja auch ins Grübeln.

  2. Interessante Argumentation. Aber die Christen hatten bei alledem ihre zentrale Figur. So jemand fehlt der SPD aber schon seit etlichen Jahren.

    Ich denke, Menschen wählen nie (oder in den seltensten Fällen) „eine Partei“. Viel zu abstrakt. Sie wählen – und sei es unbewusst – einen Menschen, einen Hoffnungsträger. Der bringt der Partei nicht nur Stimmen, sondern sorgt auch für innere Stabilität, denn ihren Hoffnungsträger darf die Partei (dürfen die Genossen) nicht in internen Machtkämpfen demontieren.

    1. Man hat ja schon ein bisschen das Gefühl, die SPD wechselt ihre Vorsitzenden häufiger als Italien seine Ministerpräsidenten 😉

      Aus der zentralen Figur muss man aber auch etwas machen – zwischen Johannes dem Täufer und Jesus ist der Unterschied zu Lebzeiten wohl nicht sehr groß gewesen, wenn man von den Wundern absieht. Es scheint, dass nur Jünger um sich zu scharen, nicht ausreicht. Vielleicht war es DIE kluge Idee, Abgesandte zu bestimmen. die dann als „die Zwölf“ zusammen mit der Familie Jesu – als die „Säulen“ –
      die Jünger besser zusammen hielten.

      Nach 150 Jahren sehe ich noch kein Ende der SPD – irgendwer wird schon klug genug sein, wieder Anknüpfungspunkte in der Parteigeschichte zu finden.

      1. Das wollen wir hoffen. Ich hätte der SPD jedenfalls eine Regierungspause gegönnt, die ihr auch Gelegenheit gegeben hätte, das eigene Profil wieder zu schärfen.

      2. Für Pausen ist Politik vielleicht das falsche Betätigungsfeld. Ich halte eine Partei, die erklärt, gar nicht regieren zu wollen, eher für unwählbar: Wer nicht an die Regierungsmacht will, soll sich nicht darum bewerben. Es ist ja auch nicht so, dass die SPD seit 2005 nicht versucht hätte, ihr Profil zu schärfen. Sie war seitdem sowohl in der Regierung als auch in der Opposition. Natürlich vermisse ich die „gute alte“ Zeit, in der es zwei Volksparteien gab – die eine in der Regierung, die andere in der Opposition. 😉 Dafür müsste es aber zwei Parteien geben, die auch Volkspartei sein wollen. Ich sehe die SPD derzeit leider in einer Position, in der sie versucht, Minderheiten anzusprechen, um daraus Mehrheiten zu gewinnen. Und es sind genau die Minderheiten, auf die auch die Grünen und – zumindest im Westen – auch die Linke setzt. Ich würde der SPD keine Regierungspause gönnen, sondern den Politikern – gerade aus den Ländern – ein bisschen mehr Zurückhaltung wünschen.

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