Ostfriesische Namenskultur

Zu den Feiern meiner Kindheit kamen pünktlich zur Teezeit (halb drei nachmittags) Großeltern, Onkel, Tanten, Großonkel, Großtanten, Paten und Patin. Während in der Küche das Teewasser zum Kochen gebracht und Butterkremtorte, Obstboden, Butterkuchen portioniert wurden, begannen die Gespräche über Abwesende, die sich hatten scheiden lassen, verwitwet waren, jemanden Neuen fanden, heirateten, Kinder bekamen, denen etwas Gutes passiert oder ein Unglück zugestoßen war. Ich fand das damals ziemlich langweilig. Obwohl es schon witzig war,  wenn eine Tante berichtigt wurde, weil sie Personen verwechselt hatte. Diese Gespräche dauerten während des Tees und des Abendessen bis die Letzten gingen. Aus meiner 30köpfigen Nachbarklasse kannte ich nicht einmal halb so viele Namen, wie meine Anverwandten sich bei diesen Feiern gegenseitig zuriefen.

Aber eigentlich ging es um etwas ganz Anderes: Die Personen wurden durch die Nennung – und gerade auch durch die Korrekturen – in ein gemeinsames Gedächtnis richtig eingeordnet. Familienbeziehungen zu kennen, gehörte zur ostfriesischen Tradition. Alte  Namen bezeichneten in Ostfriesland nicht nur eine Person, sondern auch eine Familienzugehörigkeit. Zur Zeit meiner Kindheit in den 60er und 70er des vergangenen Jahrhunderts war die alte ostfriesische Namensgebung der deutschen schon gewichen – nur die ganz alten Familien und Verwandten kannten sich da noch aus.

Die deutsche Namensgebung ist seit dem Mittelalter lächerlich einfach: Es gibt einen (oder mehrere) Vor- und einen Familiennamen. So simpel machten es sich die Ostfriesen nicht. Sie zeigten sich stur gegen die Versuche, zivile Familienbücher im 19. Jahrhundert einzuführen.

Es waren die Franzosen, die in ihrer kurzen Herrschaft über Ostfriesland den Familiennamen durchsetzen wollten – so konnten sie besser Steuern erheben und junge Männer als Soldaten rekrutieren. In die Listen trugen sich jedoch die wenigsten Eingeborenen ein. Die einmal angefertigten Listen wurden sogar noch vernichtet, so dass die Preußen und Hannoveraner sich mit der Einführung einheitlicher Familienbücher schwer taten. 1876 wurden die Standesämter im Deutschen Reich obligatorisch und verdrängten auch in Ostfriesland die bis dahin wichtigeren Kirchenbücher: Standesbeamte des Deutschen Reichs erwiesen sich als sturer als die Ostfriesen, auch wenn sie feststellen mussten, dass die einstmals gewählten Familiennamen inzwischen durch ganz andere ersetzt worden waren. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts  blieb aber das ostfriesische Namensrecht vor allen bei alten Familien Tradition.

Ein ostfriesischer Name besteht aus den Bestandteilen: Vorname und Vatersname, ergänzt um den Familiennamen.

(Ost-)friesische Vornamen sind z. B. Wilko, Tammo, Onno, Focko, Sjut, Tjark, Manno, Harm,  Co(o)rd, Weert für Männer und z. B. Bauke, Eske, Etta, Okka, Gebkea, Geske, Talea, Wübke(lin)e, Antje, Fentje, Wiebke für Frauen.

Die Namensgebung in Ostfriesland erfolgt über die väterliche Linie – also wie in Irland mit dem „O“ (O’Connor) oder in Schottland mit dem „Mac“/“Mc“ (McConnor). In Ostfriesland ist es ein „(e)s“ oder, wenn der Name auf einem Vokal endet, statt des Vokals „en“.

Wichtig war den Ostfriesen, dass kein Name ausstirbt, darum ist die erste Regel auch ganz einfach: Der älteste Sohn bekam als Vornamen den des Großvaters väterlicherseits, der nächste den des Großvaters mütterlicherseits, die älteste Tochter den der Großmutter väterlicherseits, die nächste den der Großmutter mütterlicherseits. Hinzugefügt wurde der Name des Vaters.

Focko Harms hat als ältester Sohn den Vornamen des Großvaters väterlicherseits (Focko) und den Vatersnamen (Harm) mit einem „s“. Sein nächster Bruder Weert Harms hat den Vornamen des Großvaters mütterlicherseits (Weert) und den Vatersnamen. Die erste Tochter könnte Okka Harms geheißen haben nach der Mutter ihres Vaters, die nächste Wübke Harms nach der Mutter ihrer Mutter. (Wird schon klar, dass man als Ostfriese eigentlich keinen Familiennamen braucht).

Wir haben also die vier Kinder Focko, Weert, Okko und Wübke Harms. Daraus könnte man nun die Namen der Großeltern schließen: Väterlicherseits: Harm Focken und Okka … – Mütterlicherseits: Weert … und Wübke ….

Focko Harms – zur Erinnerung:der älteste Sohn – heiratet Geske Renken (deren Vater also Renko geheißen haben müsste) und vergibt an seine Kinder den Vatersnamen „Focken“ (von Focko). Er bekommt einen Sohn, den er der Tradition entsprechend Harm Focken nennt (Harm nach dem Großvater väterlicherseits und den Vatersnamen).

Nehmen wir mal an, dass Focko Harms’ Bruder – Weert Harms – ohne Abkömmlinge stirbt, dann gibt es die zweite Regel, weil kein Name aussterben darf: Der nächste Sohn von Focko Harms bekommt den Namen des verstorbenen Bruders: Er würde also Weert Focken heißen. Den Namen, den er nach der ersten Regel bekommen haben müsste, also Renko Focken (Vorname des Vaters von Geske Renken und Vatersnamen), bekäme dann der nächste Sohn.

Allerdings verstirbt Geske Renken. Focko Harms heiratet ein zweites Mal. Nennen wir seine zweite Frau Ulfkea Eilerts (ihr Vater hieß also Eilert). Sie bekommt eine Tochter, die nach der ersten Regel den Vornamen der Mutter von Focko Harms haben müsste (das wäre Okka Focken). Wenn da nur nicht die grundlegende Regel wäre, dass kein Name in der Familie aussterben darf! Die Tochter, die Focko Harms mit seiner zweiten Frau Ulfkea Eilerts bekommt, heißt darum auch nach der verstorbenen ersten Ehefrau, also Geske mit dem Vatersnamen Focken.

Noch etwas komplizierter könnte es werden, wenn der Vater der verstorbenen Geske Renken keine Söhne gehabt hätte. Dann droht der Name Renko zu verschwinden. Die älteste Tochter von Focko Harms mit Ulfkea Eilerts würde in diesem Fall den Namen Geske Renken bekommen. Diese zweite Geske Renken heiratet Cord Tammen, den ältesten Sohn des Ehepaares Tammo Hanken und Bauke Onnen . Nach der ersten Regel würden Cord Tammen und Geske Renken ihren ältesten Sohn Tammo Cordes nennen, die erste Tochter Bauke Cordes (jeweils Vorname Großeltern väterlicherseits und Vatersnamen Cordes von Cord), den zweiten Sohn Focko Cordes, die zweite Tochter Ulfkea Cordes (jeweils Vornamen Großeltern mütterlicherseits und Vatersname). Da aber der Name des ersten Schwiegervaters von Focko Harms – also des Vaters von Geske Renken I – auszusterben droht, bekommt der zweite Sohn von Cord Tammen und Geske Renken II den Namen Renko Tammen, die zweite Tochter den – bisher nicht ausgedachten – Vornamen der Mutter der verstorbenen Geske Renken. Die Vornamen der Eltern der leiblichen Mutter bekommen dann der dritte Sohn bzw. die dritte Tochter.

Jetzt kommt der Hammer: Hat ein Ehepaar für eines seiner Kinder einen reichen Paten ergattert oder einen Verwandten, der das Kind finanziell unterstützen könnte, dann bekommt dieses Kind den Namen des Paten oder Verwandten! (Da wird klar, dass die Ostfriesen bei der Aussicht auf finanzielle Unterstützung auch kein ziviles Familienbuch wollten!).

Wie gesagt, im 19. Jahrhundert sollte damit nun Schluss sein: Preußen, Franzosen, Preußen, Hannoveraner, Deutsche – sie wollten eine einheitliche Namensgebung wie im Rest ihres jeweiligen Reichs.

Die Vatersnamen wurden vielfach einfach zu Familiennamen – Gerdes und Weerts, Lübben, und Onnen, Focken und Hanken, Frerichs und Hinrichs, Jansen und und und. Daneben gibt es natürlich Berufsbezeichnungen wie Feldmann und Koopmann (Kaufmann). Aber einige Spaßvögel trugen sich auch als Goldenstein oder Bloempott (Blumentopf) in die Listen ein. Einige Zeit hielt dann der Vatersname noch als Zwischenname durch, den Frauen auch als Doppelnamen zusammen mit dem Ehenamen trugen.

Die Gespräche auf den Geburtstagsfeiern mit so vielen Verwandten wie möglich waren wahrscheinlich  so alt wie Ostfriesland und dienten neben dem kostenfreien Verzehr von Tee und Kuchen dazu, sich die Familienverhältnisse der Umgebung ins Gedächtnis zu rufen. Diese Unterhaltungen sind wahrscheinlich auch die Grundlage für meine Fähigkeit, russische Romane mit den ganzen Iwans und Iwanowitschs lesen zu können, ohne lange über die Familienverhältnisse nachdenken zu müssen – das kenne ich aus Ostfriesland.

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