Ich wünsche mir …

„Wenn ich mir was wünschen dürfte,“ sang Marlene Dietrich, „käm‘ ich in Verlegenheit, was ich mir denn wünschen sollte eine schlimme oder gute Zeit. Wenn ich mir was wünschen dürfte, möcht‘ ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“

Und ich wünsche mir den Weltuntergang.

Im Moment gehen mir all die Kleinigkeiten furchtbar auf die Nerven. Manchmal – so wie jetzt – frage ich mich, ob die Diagnose „Depression“ richtig war; ich habe eher das Gefühl, dass mehr oder weniger alles und jeder um mich herum nicht ganz richtig läuft.

Im Augenblick landet jeden Tag auf dem Schreibtisch ein neues Gesetz oder eine neue Anweisung, die Mehrarbeit bedeuten. Mir ist ganz klar, dass sich niemand wirklich dafür interessiert, dass Notare immer mehr Daten von den Mandanten anfordern und weiterleiten müssen (neuerdings mit Nachteilen und sogar Ordnungswidrigkeiten bewehrt, sollte sich ein Mandant weigern). Da werden Verkäufer und Käufer von Grundstücken oder Eigentumswohnungen unter Generalverdacht der Steuerhinterziehung oder Geldwäsche gestellt, auch wenn sie vielleicht nur einmal in ihrem Leben eine Wohnung kaufen. Warum muss sich ein Handwerker, der eine GmbH oder vielleicht nur eine UG gründen will, um nicht persönlich zu haften, den Verdacht gefallen lassen, er wolle Geld waschen? Es ist eben einfacher, sich darüber aufzuregen, im Internet belauscht zu werden (vielleicht ist einem das Internet selbst schon irgendwie suspekt, weil man deren Funktionsweise nicht versteht). Dagegen ist die Übermittlung von Daten, die man den Banken, Notaren usw. gibt und die an das Finanzamt oder zum Transparenzregister weitergeleitet werden müssen, ein Klacks. Mich ärgert das (nicht nur, weil es mir mehr Arbeit für mich verbunden ist, die eigentlich der Staat selbst leisten sollte – wenigstens ist die Mehrarbeit für den Mandanten kostenfrei, aber die Daten sind schon weg ….)

Das Gedrängel morgens am Bus stört mich eigentlich weniger – ich sage mir einfach, dass ich die Drängler vorlasse. Aber muss sich die Frau noch umdrehen und fragen: „Oh, habe ich mich vorgedrängelt?“ – „Naja, ist mir schon klar, dass der Tod nicht schnell genug kommen kann.“ Und was die Männer breitbeinig sitzen, schaukeln sich Frauen mit übereinander geschlagenen Beinen ins Vergnügen, gerne auch mit dem Fuß weit in den Gang. Überhaupt scheint es irgendwie Tickets für kleine Rucksäcke und Handtaschen zu geben, die auf dem Sitz nebenan warten, bis man fragt, ob noch frei ist. „Ich habe gar nicht bemerkt, dass der Bus so voll ist.“ – „Macht nichts. Ich habe schon gemerkt, dass Sie Besseres zu tun haben, als auf Ihre Mitmenschen zu achten. Aber wir achten auf Sie“

Dann ist da der Fahrradfahrer, der mich – auf dem Gehweg – fast umnietet (fährt natürlich! gegen die Fahrtrichtung), weil er an seinem Handy herumspielt: „Kannste nicht aufpassen“, höre ich noch, dann sage ich schon: „Klar, kann ich aufpassen. Ich habe auf eine lebenslange Rente von dir gehofft …. Nächstes Mal klappt’s vielleicht!“

Ich muss mich so anstrengen, dass ich nicht noch mehr solcher Sätze raushaue: Wenn mein Freund bedauert, dass ihm bei irgendeiner Gelegenheit nichts Schlagfertiges eingefallen ist, dann denke ich immer: „Das müsste mir passieren …“ Aber bei nächster Gelegenheit ist meine Zunge schon fertig, bevor meine guten Manieren „Halt!“ gebieten können.

Ich wünsche mir einen richtig altmodischen Weltuntergang. Wenn morgen die vier Reiter vor mir stünden, würde ich sie anfeuern: „Na, los, macht doch …“ Eine Sintflut täte es auch. Oder Feuer und Schwefel vom Himmel. Einfach ein bisschen alttestamentarischer Gotteszorn.

 

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Ein Gedanke zu “Ich wünsche mir …

  1. Bei dem Riesenregen neulich dachte ich auch – aus dem Fenster schauend: Ach, wenn das doch die Sintflut wäre! Aber es ist einfach nicht genug Wasser da oben, und der Eisberg, der sich kürzlich vom Südpol gelöst hat, wird beim Tauen den Meeresspiegel wohl auch nur eine Winzigkeit steigen lassen. Andererseits sollte man die Hoffnung nicht aufgeben, denn für einen Kometeneinschlag – heftig genug, um eine Eiszeit auszulösen, sind wir statistisch überfällig. Ich nenne solche Überlegungen nicht depressiv. Das ist Optimismus. Okay, optimistischer wäre es vermutlich, darauf zu warten, dass die Menschheit mal echte Fortschritte macht, nämlich im Kopf. Aber damit wäre die Grenze zur Naivität dann wohl doch überschritten.

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