Umkehrschub

Ich bin an einem Moorgebiet aufgewachsen. Man kennt die Pfade von Alters her, die einem an den Tümepeln vorbeiführen. Man geht nicht übers Moor, wenn die Luft kalt wird und Nebel aufsteigen können. Und nach starken Regenfällen geht man besser den längeren Weg und nimmt den Bohlenweg durchs Moor. Wenn die obersten Schichten trocken sind, wenn die Luft klar ist und man weit sehen kann, wenn man weiß, wohin man treten muss, dann schwankt vielleicht der Boden unter den Füßen, aber man kommt wohlbehalten an.

Das Moor kann trotzdem tückisch sein: Unter trockenem Gras gibt die dünne Oberfläche nach und man braucht Kraft, um die Füße aus dem Morast zu ziehen. Jeder Schritt erfordert mehr Stärke. An den Stiefeln klebt Schlamm. Das klebrige Torf schmatzt, wenn man die Beine mühevoll hebt. Die Strecke scheint länger und länger zu werden. Man muss sich vielleicht auch noch gegen einen aufkommenden Wind stemmen. Dann bekommen auch die Alteingesessenen Panik, sie könnten es nicht schaffen: Wer fällt, ist verloren.

Dann blinken gelbe Sandkörner am Schlamm der Stiefel. Noch ein paar Schritte und vor einem liegt der Stegel. Wollgräser bleiben zurück und man kann sich im Schatten eines Knicks oder auf einem Streifen Geest erholen.

Ein depressiver Rückfall ist wie ein tückisches Moor: Ich vergesse meinen Alltag nicht, aber ich habe keine Kraft mehr, außer mich von einem Moment zum nächsten treiben zu lassen. Es kann einen Anlass geben – wie ein aufkommender Wind, gegen den ich mich stemmen muss -, aber es kann auch wieder sehr schleichend kommen. „Sich treiben lassen“ klingt so leicht, aber es ist eher „getrieben sein“, ohne dass ich den Anlass kenne. Ich konzentriere meine Kräfte auf das Nächstliegende und weiß gleichzeitig, dass es falsch ist. Gerade dann sollte ich …. ja, ich sollte, mache ich aber nicht.

Manchmal geht es nach ein paar Tagen wieder, manchmal brauche ich Wochen. Irgendwann weiß ich dann: Jetzt kommt der Rückzug aus dem Rückfall, dann reichen die Kräfte auch wieder für einen Blogeintrag.

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