Unworte des Tages

Heute haben mein Lebensgefährte und ich auf Tagesschau24 einen Bericht über die Biennale in Venedig gesehen, darin fielen zwei Wortschöpfungen. Jetzt können wir uns nicht entscheiden, welches das bessere „Unwort“ des Tages ist:

Anne Imhofs Performance „Faust“ dauert fünf Stunden. Im Bericht wurde das Kunstwerk mit „Metadeutschland“ betitelt. Da über Anne Imhof positiv berichtet wurde (wenngleich ich mich nicht erinnern kann, dass sie als Preisträgerin des Goldenen Löwen für den beste nationalen Beitrag bezeichnet wurde), gehen wir davon aus, dass „Metadeutschland“ kein Schimpfwort ist.

Duden online: „Meta drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass sich etwas auf einer höheren Stufe, Ebene befindet, darüber eingeordnet ist oder hinter etwas steht“. Wie kann man zeigen, was hinter Deutschland steckt, wenn wir noch nicht einmal eine deutsche (Leit-)Kultur haben (wollen)?

Die Kuratorin Christine Macel kam nicht so gut weg: „Epivorstellung“ war das Wort, das der Redaktion treffend schien, um sie abzuqualifizieren:

„Epi bedeutet in Bildungen mit Substantiven auf, darüber, darauf (örtlich und zeitlich), bei, [da]neben.“ (wieder Duden online).

Epivorstellung klingt gut, aber was bedeutet das?

Dass Kunst auf Ausstellungen wie Biennalen, Documenta etc. nicht um der Kunst willen gemacht wird, ist nichts Neues: Immerhin müssen die Künstler zusehen, dass sie viel Aufmerksamkeit und Reaktionen bekommen, damit auch die nächste öffentliche Förderung fließt. Es ist also wichtig, dass sie für ihre Kunst gelobt oder verrissen werden – Hauptsache die Kritik ist laut und anhaltend genug.

Uns beschleicht das Gefühl, dass die Berichterstattung über Kunst inzwischen auch nicht mehr fürs Publikum gemacht wird. Wenn man nicht ausdrücklich beschimpft wird, zeigen uns die Künstler dezenter, dass sie ihre Perlen nur ungern vor die Säue werfen. Ich finde es auch verständlich, dass Kritiker das nicht kritisieren, denn sie sind ja nicht Publikum; irgendwie stehen sie zwischen Künstler und Publikum. Aus ihrer Sicht stehen sie vielleicht aber auch über Künstler und Publikum: Die einen werden kritisiert, die anderen ignoriert. Lässt sich damit erklären, dass der Durchschnittsbürger sich mit Wortkreationen herumschlagen muss, die sich Journalisten ausdenken?

Ich möchte betonen, dass es mich nicht stört, wenn die öffentliche Kulturförderung auf allen Ebenen längst die Beiträge im Sport übersteigen. Mich ärgert ein bisschen, dass die Berichterstattung über Sport einen so breiten Raum einnimmt, während ich mich auf den Spartenkanälen herumtreiben muss. Wenn ich dann noch in normalen Nachrichtensendungen mit hochtrabendem Begriffen wie „Metadeutschland“, „Epivorstellung“ oder (dem schon älteren ) „sozio-ästhetisch“ ausgeschlossen werde, dann würde ich den Verantwortlichen gerne mal sagen: Echt mal jetzt!

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