Friesische Leitkultur

Alle paar Jahre wieder taucht ein Politiker auf, der über Leitkultur reden will. Dieses Jahr ist es der Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der Herr des deutschen Protokolls. Dass er seine „Thesen“ erst in der BILD und dann auf der Internetseite des Ministeriums veröffentlichte, ist Geschmackssache – ich finde, das ist schlechter Geschmack und zeigt, wie wenig er seine „Thesen“ selbst ernst nimmt („Wir sind Kulturnation“ – in der BILD-Zeitung, echt jetzt?).

Die Reaktionen waren natürlich vorhersehbar: Die einen lehnen seine „Thesen“ ab, weil sie nicht darüber reden wollen, wie deutsch sie sind (darüber wird noch nicht mal gestritten, Streitkultur hin oder her), die anderen begrüßen die „Thesen“, weil sie nicht wissen, wie sie sich benehmen sollen (und froh sind, dass es ihnen jemand staatlich verordnet). Selbst wenn man zu einem Konsens fände, würden sich weder die einen daran halten (aus Prinzip) noch die anderen (sie könnten ja jetzt schon, wenn sie wirklich wollten).

Die „Thesen“ und die Reaktionen zeigen eines ganz deut(sch)lich: Humor gehört nicht zur deutschen Leitkultur. Da ziehe ich mich lieber auf die Friesische Leitkultur zurück, denn da weiß ich: Die Ostfriesen können wenigstens über sich selbst lachen:

Eine ostfriesische Mutter schreibt ihrem Sohn:

Lieber Sohn,

ich schreibe diesen Brief, damit Du weißt, dass ich noch lebe. Ich schreibe langsam, weil ich weiß, dass Du nicht schnell lesen kannst. Wenn Du mal wieder nach Hause kommst, wirst Du unsere Wohnung nicht wiedererkennen, wir sind nämlich umgezogen. In der neuen Wohnung stand schon eine Waschmaschine. Ich tat 14 Hemden hinein und zog an der Kette. Die Hemden habe ich bis jetzt noch nicht wiedergesehen. Vater hat eine neue Arbeit. Er hat 500 Leute unter sich. Er mäht den Rasen auf dem Friedhof. Letzte Woche ist Onkel Fritz in einem Rumfass ertrunken. Einige Männer wollten ihn retten, aber er leistete heftigen Widerstand. Wir haben ihn verbrennen lassen, es dauerte drei Tage, bis wir ihn gelöscht hatten. Deine Schwester hat gestern ein Baby bekommen. Da wir nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, weiß ich nicht, ob Du Onkel oder Tante geworden bist. Es hat letzte Woche nur zweimal geregnet: erst drei Tage und dann vier Tage. Es hat so gedonnert, dass unser Huhn viermal dasselbe Ei gelegt hat. Am Dienstag sind wir gegen Erdbeben geimpft worden.

Deine Mutter

PS.: Ich wollte Dir noch etwas Geld hinein tun, aber ich hatte den Brief schon zugeklebt.

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