Lesen

Ich lese keine Texte. Mir ist es schon peinlich, wenn mir das Wort „Text“ herausrutscht. Für mich dient ein Text der Informationsübermittlung. Wenn ein Roman oder eine Kurzgeschichte nur noch Informationen übermittelt, dann bleibt nicht viel Platz für Literaur.

Eine Literatur-Freundin und ich lasen einmal die Gedichte von Emily Dickinson. Irgendwann meldete sie sich, sie sei „durch“ – ich hatte kaum mehr als fünf oder sechs Gedichte gelesen (das mag auch damit zu tun haben, dass ich Englisch eher als Nutzsprache sehe. Ich finde, Englisch ist keine wirklich schöne Sprache). Ich fragte sie nach ihrer Meinung zu bestimmten Versen, und sie meinte: „Ach, da musst du einfach drüber weglesen.“

Naja, das ist vielleicht auch der Grund, warum meine „Literatur-Freunde“ so häufig wechseln: Ich lese langsam – Satz für Satz, manche Passagen doppelt und dreifach und natürlich Zurückblättern.

Wenn man einen Roman nur liest, um „mitreden“ zu können – was hat man dann davon? Wenn man ein Buch das einen wirklich beeindruckt, nur einmal liest – was entgeht einem nicht alles?

Literatur ist für mehr als ein Kommunikationsmittel. Darum bin ich auch immer wieder enttäuscht, wenn ich aktuelle Roman lese, die wie Zeitungsartikel daher kommen: Diesen journalistischen Stil finde ich in Romanen oder Erzählungen einfach fehl am Platz. Dann helfen nur noch Wertungen wie „offener Umgang mit Tabus“, „innovativ“, „schonungslos“ usw. Aber wenn man sich erst einmal an die Tabubrüche gewöhnt hat, vom Neuen der Lack ab ist und sich die Schonungslosigkeit nur als Gefühllosigkeit entpuppt – dann bleibt mir noch nicht einmal der Genuss wohl gewählter Worte.

Es liegt vielleicht an meiner Auswahl, aber ich habe unter den Büchern, die weniger als ein paar Jahre alt sind, keines gefunden, das ich noch einmal lesen möchte – nicht, dass sie nicht „interessant“ waren oder ich nicht die Arbeit an dem Buch merkte, aber die Art, wie sie erzählt sind, finde ich eher langweilig.

Wenn ich in Homers“Odyssee“ lese, wie Aphrodite verletzt wird, dann ist das für mich ein Tabubruch, der mich noch tausende Jahre nach der Entstehung der Erzählung nachdenklich macht. „Innovativ“ ist für mich Dantes „Komödie“. Und „schonungslos“ ist für mich, wie Ingeborg Bachmann in „Malina“ mit der Seele umgeht.

Klassiker sind Klassiker, weil sie über den Tag hinaus nachdenklich machen. Jeder Klassiker war einmal modern. Ich fände es einfach schön, mal ein aktuelles Buch zu lesen, dass die Qualität eines Klassikers hat und nicht nur Produkt des Zeitgeists ist.

 

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