Lästern will gelernt sein

Die wahren Hintergründe dieser traurigen Familiengeschichte waren, daß die Musgroves das Unglück gehabt hatten, einen sehr schwierigen, hoffnungslosen Sohn zu haben, und das Glück ihn zu verlieren, bevor er zwanzig war. Daß man ihn auf See geschickt hatte, weil er an Land so dumm und unausstehlich war; daß der Familie niemals viel an ihm gelegen hatte, wenn auch fast mehr, als er verdiente; daß er selten von sich hören ließ und so gut wie gar nicht vermißt wurde, als die Nachricht von seinem Tode vor zwei Jahren nach Uppercross gelangt war.

Er war, auch wenn seine Schwestern sich nun alle Mühe um ihn gaben, indem sie ihn den „armen Richard“ nannten, in Wirklichkeit nichts anderes als der dickköpfige, gefühllose, nutzlose Dick Musgrove gewesen, der, tot oder lebendig, nichts getan hatte, was ihn zu mehr als der Abkürzung seines Namens berechtigt hätte.“

Jane Austen „Überredung“

Jane_Austen

Die englische Damenwelt um 1800 – da sitzen sie bei ihrem Tee und ihren Handarbeiten und mit jedem Nadelstich treffen sie auch noch ihre Nachbarn.  Angesichts des heutigen grobschlächtigen Humoroverkills ziehe ich mich gerne literarisch in die Zeiten zurück, in der Bosheiten wenigstens elegant ausgedrückt wurden. Man spricht nicht schlecht über Tote – und hinter dem Rücken Lebender drückt man sich gewählt aus.

Als August von Platen einen Streit mit anderen Literaten seiner Zeit vom Zaun brach, indem er antisemitische Äußerungen in seine Stücke einfließen ließ, bemerkte Heinrich Heine recht trocken, er an Platens Stelle hätte in dessen „Romantischen Ödipus“ den Protagonisten seine Mutter töten und seinen Vater heiraten lassen. Leider konnte es Heine nicht dabei belassen und musste noch deutlicher werden. So kann es gehen: Heine sagte zu viel, Platen konnte seinen Mund nicht halten und als Hemmingway nichts mehr einfiel, erschoss er sich.

An ihre Schwester Cassandra schrieb Jane Austen einmal: „Mrs. Hall aus Sherbourne kam gestern einige Wochen zu früh mit einer Totgeburt nieder, verursacht durch einen Schrecken: Ich vermute, sie hat aus Versehen ihren Mann angesehen.“

Lästern will gelernt sein.

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2 Gedanken zu “Lästern will gelernt sein

  1. Dieser Eintrag, den ich vorhin schon auf dem Handy „angelesen“ hatte, bewirkte etwa zwei Stunden später, dass ich in der Buchhandlung bei den Hörbüchern stand, wo auch einige Romane von Jane Austen auslagen, und mich nicht entscheiden konnte. Ich habe dann doch „Die Straße der Ölsardinen“ von John Steinbeck, gelesen von Ulrich Matthes (als Osterei in Liebe von mir für mich) mitgenommen. Jane Austen kommt das nächste Mal an die Reihe. – Aber was ich eigentlich sagen wollte: Du hast da ein schönes Thema aufgegriffen. Die gepflegte Boshaftigkeit ist wirklich den Bach runter. Und ein Wort schwimmt in meinem Kopf wie ein Koi-Karpfen in eben jenem beklagenswerten Rinnsal und will nicht auftauchen. Ein Wort, das wir früher so gern benutzten, wenn wir lästerten und uns der Lästerei scherzhaft bezichtigten – ohne die geringste Absicht, sie zu unterlassen. Und – nein, es ist nicht „maliziös“. Das wird mir jetzt zusetzen, bis es mir wieder einfällt.

    Schöne Ostertage wünsche ich Dir.

    1. Wenn ich Dir einen Tipp geben darf: Jane Austen lese ich am liebsten in der Übersetzung von Christian Grawe bei Reclam. Seine Anmerkungen helfen auch beim Verständnis der Zeit um 1800.

      Ist Dir das Wort schon eingefallen? Ich bin gespannt.Es ist vertrackt, wenn zwischen den Gehirnwindungen und der Zunge (bzw. den Fingern) ein Wort stecken bleibt, das man doch sonst parat hatte. Vielleicht sollte ich mal einen regelmäßigen Block über Worte, die aus der Mode gekommen sind, schreiben ….

      Dir auch schöne Ostertage – und viel Vergnügen mit John Steinbeck, von dem ich – leider wegen Zeitmangel – nur „Von Mäusen und Menschen“ kenne

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