Vielfalt oder Einfalt?

Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht. In unserer Macht sind Urteil, Bestrebung, Begier und Abneigung, mit einem Wort alles das, was Produkt unseres Willens ist. (Epiktet)

 

Im letzten Jahr hatte ich Gelegenheit, ein bisschen zu resümieren. Nun ja, eigentlich waren es die Gespräche mit dem Therapeuten, die mich veranlasst haben, über meine Meinungen, Ansichten, Überzeugungen der letzten – sagen wir – 40 Jahre nachzudenken.

Ich bin ein anhänglicher Mensch: Ich ziehe nicht gerne um; ich kaufe nicht gerne Kleidung ein; ich habe im Keller acht große Umzugskartons mit Büchern, die ich dringend durchsehen und die nicht mehr gewollten spenden müsste; ich kaufe auch nicht viele Möbel oder gar elektronische Geräte ein (mein Handy hat noch Tasten – nichts mit Fotos, nichts mit Videos); auch wenn ich einen Film nicht leiden kann, gebe ich eine geschenkte DVD nicht weg …

Aber es gibt kaum eine Überzeugung oder Meinung, die sich nicht geändert hätte.

Ich bin zum Beispiel vor ein paar Jahren eine Zeit lang gerne in die Deutsche Oper gegangen. Aber nachdem ich mich durch fast zwei Spielpläne geschaut hatte, bekam ich das Gefühl, dass es nur scheinbar eine Vielfalt bei den verschiedenen Aufführungen gab: Die Musik war nicht das Problem, sondern die Inszenierungen: Jede neue Aufführung war „innovativ“ und jeder Regisseur übertrumpfte die anderen mit „relevanten“ Ideen; konventionelle Aufführungen, die ich in Italien neben sehr modernen gesehen hatte, gab es hier nicht. Staatliche geförderte Kunst für Kritiker und Kollegen.

Ein anderes Beispiel sind für mich die Fernsehsender: Je mehr es gibt, desto mehr gleichen sie sich. Ich möchte ja gerne glauben, dass jeder Sender ein Mosaiksteinchen ist und die Gesamtheit der Sender ein Mosaik ergibt, aber wer durch die -zig Sender und Sparten(!)sender zappt, hat kein Bild vor sich, sondern uni in voller Farbe und 16:9. Was mich stört, sind nicht Billigproduktionen, Schund oder Mist – wie auch immer man es bezeichnen möchte -, das hat es auch bei nur drei Sendern gegeben. Mich stört, dass keine Sendergruppe noch daran interessiert ist, sich an ein Gesamtpublikum zu wenden, statt an Publikumsgruppen

Viel zu viele Zeitungen, die sich durch kaum mehr als ihr Feindbild unterscheiden und deren Feuilletons nicht über die Zeit hinausreichen, in der man sie liest; viel zu viele Politiker, die aus Angst vor Kritikern und „Shit-Storms“ nicht mehr ihre Meinung zu sagen wagen; viele zu viele Kritiker, die sich ihrer Sache verschrieben haben und nicht mehr wissen wollen, was es noch so gibt … die Liste könnte noch länger werden.

Da bin ich froh, dass es in meinem Kopf so bunt zugeht, dass ich morgen schon anderer Meinung sein und eine andere Überzeugung vertreten kann.

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Ein Gedanke zu “Vielfalt oder Einfalt?

  1. Einsam ist nur, wer nicht gelernt hat, ein gutes Gespräch mit sich selbst zu führen. Hin und wieder allerdings höre ich gern eine dritte Meinung. – Das hatte ich im Sommer 2009 mal gebloggt und habe es jetzt dank Suchfunktion wiedergefunden, denn ich stimme Dir absolut zu.

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